Besonderheiten im Umgang mit tauben Katzen

Menschliche Kommunikation ist in erster Linie verbaler Natur.  Die Signale des Menschen sind für eine taube Katze daher radikal reduziert.  In Folge hat sie nur noch einen Bruchteil an Bindungserlebnissen mit ihrem Menschen. Auch die Beziehung zu den Mitkatzen ist durch das Handicap gestört. Wie geht man also damit um?

Die taube Katze ist auf vielfältige Weise  isolierter als eine hörende Katze.

Um das Defizit an Kommunikation und Bindungserlebnissen der tauben Katze  zu verringern, sollte sich der Mensch zu nächst klarmachen, wie viel an Zuwendung er verbal verteilt.

Ein Selbstversuch:

Ich habe versucht einen Tag lang, jede verbale Ansprache in eine andere Form der Aufmerksamkeit zu verwandeln und ich war äußerst überrascht, wie anstrengend das ist und wie oft ich nicht darüber nachdachte, dass das Gesagte gar nicht ankommen konnte.

Das bedeutet nicht, dass man nicht mit der tauben Katze sprechen soll, verbale Artikulation ist unser wichtigstes Ausdrucksmittel und wir bleiben authentisch, wenn wir mit der Katze sprechen, auch wenn sie uns nicht hören kann. Aber wir sollten uns zumindest punktuell darüber klar sein, dass vieles nicht ankommt.

Was einer tauben Katze entgeht.

Ein Beispiel: Ich komme nach einem Arbeitstag nach Hause. Unser tauber Kater Tony liegt vor der Eingangstür auf einem Schränkchen, damit er meine Rückkehr möglichst nicht verpasst. Ich mache die Tür auf und er stößt einen gurrenden Begrüßungslaut aus und gähnt. Ich habe alle Hände voll und zwitschere nur mit hoher Stimme, etwas Nettes in seine Richtung. Ich werfe meine Tasche auf einen Stuhl, ziehe meinen Mantel aus und gehe stracks in die Küche, um Futter zu verteilen. Ich rufe laut und fröhlich “Essen kommen!” und alle vier folgen mir aufgeregt. Bis jetzt weiß Tony nicht, ob ich in guter Stimmung bin, ob ich mich freue, ob ich ihn wahrgenommen habe, während die drei anderen schon über meine Stimme ein positives Feedback hatten.

Auch hier helfen Rituale

Für alle Katzen sind Rituale sehr wichtig, aber gerade für eine taube Katze möchte ich sie als essentielle Bindungsbestandteile bezeichnen. Überlegen Sie sich Zeiten, die Sie möglichst immer einhalten können, an denen Gespielt, Geschmust und Gefüttert wird. Beginnen Sie die Rituale immer in gleicher Weise am selben Ort, z. B. mit einem besonders tollen Leckerchen, so dass die Katze weiß, jetzt kommt was Tolles. Jetzt wird gespielt oder gebürstet oder geschmust.

Nehmen Sie so oft wie möglich Blickkontakt mit Ihrer Katze auf. Blinzeln Sie ausgiebig mit ihr und belohnen Sie sie für einen von ihr initiierten Blickkontakt, “rufen” sie sie durch Gesten zu sich, wenn sie Blickkontakt aufnimmt und machen sie etwas Tolles mit ihr:

Es geschehen noch Zeichen und …

Neben Streicheln und Blinzeln ist es wichtig, eine eigene Zeichensprache aufzubauen, um mit der Katze in Kontakt treten zu können. Wie immer gilt: Zeichen müssen deutlich und eindeutig sein und müssen konsequent angewendet werden.
Man muss kein ausgeklügeltes Vokabular aufbauen, aber die Begriffe “komm”, “raus”, “hopp”, “Nein!” sollte man trainieren.
Jede Katze braucht neben Streicheleinheiten und Spielstunden vor allem: Kommunikation und Interaktion mit ihrem Menschen.
Eine taube Katze wird sich auf die verbleibenden Signalkanäle beschränken und diese ggf. verfeinern. Unser tauber Kater Tony hat gelernt, seine Nase stärker einzusetzen, wenn er versteckte Leckerchen sucht. Auch reagiert er stärker auf sensorische Reize. Ein Abbruchsignal, wie “Nein!”, kann auch durch ein kräftiges Stampfen auf den Boden ausgedrückt werden. Es hat den Vorteil, dass Sie nicht erst Blickkontakt mit Ihre Katze aufnehmen müssen.

Die Defizite bei den Bindungserlebnissen können Sie auch mit Training reduzieren. Bringen Sie ihrer Katze etwas Neues bei: durch einen Pappreifen springen, über ein Holzbrett balancieren, Achten durch die Beine laufen etc.
Holen Sie sich Anregungen in Büchern über das Clickern mit Katzen. Auch wenn ihre Katze nichts hört, sie wird auf Ihre Körpersprache genauer achten und die einzelnen Übungsschritte auch ohne einen akustischen Verstärker verstehen, solange ihr Lieblingsleckerchen eine Hauptrolle spielt. Fordern Sie Ihre taube Katze, sie wird es Ihnen danken!

Unterforderung führt tiefer in die Isolation hinein.

Bedenken Sie, dass Ihrer Katze außer der Kommunikation mit Ihnen auch alle anderen akustischen Außenreize fehlen, dass ihre Welt einfach reizärmer und unverständlicher ist. Auch bekommt die taube Katze weniger akustische Rückmeldungen, z. B. wenn sie etwas umwirft. Sie erschrickt nicht wie andere Katzen und passt deswegen beim nächsten Mal eben nicht etwas besser auf. Unser tauber Kater hinterlässt oft eine Schneise der Verwüstung hinter sich, während alle anderen Katzen bereits verschreckt das Weite suchen.

Möchten Sie mehr über den Umgang mit gehandicapten Katzen erfahren, sprechen Sie mich einfach an.