Was versteht man unter übermäßigem Vokalisieren und warum neigen taube Katzen zu exzessivem Schreien?

Was versteht man unter übermäßigem Vokalisieren?

Übermäßiges Vokalisieren fasst

  • normales Vokalisieren zu einer unangebrachten Zeit,
  • dauerndes Nörgeln und Erzählen,
  • lautes kraftvolles und exzessives Schreien oder
  • entartetes Kreischen,

zusammen.

Was übermäßig ist hängt immer auch von der Toleranz und Wahrnehmung des Halters ab. Eine Katze die langanhaltend während der Vorbereitung ihrer Lieblingsspeise schnurrt, wird niemand des übermäßigen Vokalisierens bezichtigen. Eine Katze hingegen, die Nachts scheinbar grundlos vor der verschlossenen Schranktür steht und schreit, stellt einen erheblichen Störfaktor dar.

Welche Ursachen hat übermäßiges Vokalisieren?

Ursachen für übermäßiges Vokalisieren sind vielfältig und es kann

  • auf eine echte Verhaltensstörung (Angststörung/Hyperattachment, Hyperaktivität, feline Hyperästhesie, kognitive Dysfunktion/Demenz, kompulsive Störung/Stereotypie),
  • auf eine schlichte Unterforderung/Frustration oder
  • auf eine ernsthafte Erkrankung

hindeuten.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Taubheit und exzessivem Vokalisieren?

In vielen Ratgebern wird auch Taubheit als eine Ursache für übermäßiges Vokalisieren angegeben. Doch das stimmt nur zur Hälfte.

Eine logische Erklärung, dass allein die Taubheit zu einem vermehrten übermäßigen Vokalisieren führt wurde bislang nicht erbracht. Allenfalls die Lautstärke beim Vokalisieren kann der Taubheit kausal zugeordnet, da sich die Katzen nicht selber hören und nur die erzeugte Resonanz wahrnehmen können.

Es ist jedoch richtig, dass taube Katzen weit häufiger zu übermäßigem Vokalisieren und anderen aufmerksamkeitsheischenden Verhaltensweisen neigen, als andere Katzen.

Das liegt nach meiner Einschätzung an der besonderen Umwelterfahrung tauber Katzen.

Eine taube Katze muss sich mit einem geringeren Informationsinput hinsichtlich ihrer Umgebung und ihrer Bezugspersonen arrangieren und hat durch fehlende akustische Rückmeldungen radikal beschränkte Bindungserlebnisse.

Hinzukommt eine weitere Einschränkung von Umwelterfahrungen und Eindrücken, da taube Katzen meist aus Sicherheitsgründen in der Wohnung gehalten werden und keine ausgleichende alternative und adäquate Förderung und Beschäftigung erhalten, die das Defizit an sensorischen Erfahrungen und Erlebnissen aufwiegt.

Die taube Katze ist also in vielfältiger Weise stark isoliert und jede Abwechslung (spielen, füttern, streicheln) in ihrem Lebensraum ist an den Menschen gekoppelt.

Wie hörende Katzen, instrumentalisieren taube Katzen das Miauen, um eine Reaktion (Futter, Aufmerksamkeit, Zuwendung etc.) von uns zu erhalten. Wir bestärken das Verhalten immer wenn wir auf die Katze eingehen. In den meisten Fällen beobachten uns taube Katzen viel aufmerksamer als hörende Katze, da sie geringere Störfeuer zu verarbeiten haben und lernen daher anhand unserer Reaktionen schneller. Nach teilweise nur drei Reaktionen unsererseits auf das Miauen einer Katze, weiß die Katze dies bewusst einzusetzen.

Gleichzeitig, sensitiviert die taube Katze ihre anderen Sinne (visuelle Wahrnehmungen/Geruch/Sensorik), um das Manko an akustischer Wahrnehmung auszugleichen und zeigt allgemein eine erhöhte Reizempfindlichkeit, die zu überschießenden Reizantworten führt. Es reicht also ein geringerer Reiz (ein langsam am Fenster vorbei segelndes Blatt), um eine Reaktion hervorzurufen (z. B. Frustration). Solche Frustrationen führen bei tauben Katzen allgemein oft zu energiegeladenen Schreianfällen, so als würde sich die Katze Luft machen wollen.

Fazit:

Frustration, Isolation und mangelnde Beschäftigung sind daher die Ursachen für die häufige Verbindung von Taubheit und übermäßigem Vokalisieren und anderen aufmerksamkeitsheischenden Verhaltensweisen.