Warum Aggression keine Verhaltensstörung ist!

Eine Familie hatte einen Kater adoptiert und dann in meinem Blog gelesen, dass er anfänglich auf Menschen aggressiv reagiert habe.

Dies hat die Familie derart verunsichert, dass sie den Kater fast wieder zurück gegeben hätten, da sie kein aggressives Tier oder ein Tier mit einer „schweren Verhaltensstörung“ haben wollten.

Aus diesem Anlass möchte ich allgemein etwas zu meinen Blogeinträgen sagen.

Meine Blogeinträge sind Momentaufnahmen von Katzen, die mit der massiven Ruptur in ihrem Leben, die sie ins Tierheim gespült hat, nicht klar kommen und vielleicht bereits vorher verunsichernde und schlimme Zeiten durch gemacht haben. Mich interessiert meist ibhre Vorgeschichte nicht wirklich, da ich nichts davon ungeschehen machen kann. Ich arbeite mit dem was mir die Katze signalisiert und versuche ihr die fehlende Sicherheit zurückzugeben, Angst zu reduzieren und ihr die Anwesenheit von Menschen wieder angenehm erscheinen zu lassen. Meine Blogeinträge sind nicht immer tagesaktuell, sondern fassen oft die Entwicklung einiger Wochen zusammen. Während der 3 Jahre, die ich nun ehrenamtlich im Tierheim arbeite sind mir maximal eine Handvoll Katzen mit einer echten Verhaltensstörung untergekommen. Meine Intention ist sicherlich nicht, die Katzen zu diffamieren, im Gegenteil ich versuche immer Verhalten verständlich zu machen und Ursachen und Motivationen darzulegen. Insbesondere versuche ich zu vermitteln, dass gerade Katzen oft einfach nur unsere Geduld und unser Verständnis brauchen, um sich nach schrecklichen Ereignissen wieder zu erholen. Deswegen hat mich die Reaktion dieser Familie auch sehr schockiert.

Gleichfalls ist dies für mich ein Anlass, etwas zum Aggressionsverhalten speziell von Tierheimkatzen zu sagen.

Die Katzen landen über die unterschiedlichsten Wege bei uns. Manche werden abgegeben und hatten bis vor fünf Minuten noch ein behagliches und sicheres Zuhause. Andere werden in körperlich erbärmlichen Zuständen aufgegriffen oder mit Fallen eingefangen und oft mehr tot als lebendig bei uns abgeladen.

Jedes Tier reagiert auf vergleichbare Erlebnisse anders. Manche Katzen sind trotz der widrigen Umstände vergnügt und aufgeschlossen. Andere ziehen sich zurück und versuchen allem aus dem Weg zu gehen und nicht in Erscheinung zu treten. Wieder andere verteidigen sich.

In der Verhaltenspsychologie fasst man die Reizantworten in vier Kategorien zusammen:

  • Flight (Flucht, Rückzug, Meideverhalten)
  • Fight (Verteidigung, Abwehr, Auseinandersetzung)
  • Freeze (Einfrieren, Ablehnung aller Umweltantworten, innerer Rückzug, Verteidigungsschlaf)
  • Flirt (Spielen, Rumalbern, um über die als unangenehm empfundene Situation, hinweg zu kommen)

In diesem Fall handelte es sich um einen Kater, der stark verunsichert war, auch wegen eines körperlichen Defizites, das ihm schlicht die Möglichkeit zur Flucht und zum Rückzug nahm. Für die meisten sicherlich logisch blieb ihm als Anpassungsstrategie, die Verteidigung oder der innere Rückzug. Er entschied sich für Selbstverteidigung.

Nach seiner Ankunft in einer kleinen Box untergebracht, saß er in seinem Häuschen, reagierte auf Annährungen mit wütendem Fauchen und Pfotenhieben. Ich habe dies als Aggression beschrieben. Um hier genauer zu sein, war es keine offensive Aggression, sondern pure Selbstverteidigung, also defensiv. Bei Unterschreitung seiner Sicherheitsdistanz reagierte er mit Abwehr. Ich kann ihm das nicht vorwerfen.

Im Gegenteil in meinen Augen haben, diejenigen Katzen, die sich wehren, es wesentlich einfacher wieder den Anschluss an uns Menschen und ein normales Katzenleben zu bekommen, als jene, die sich in sich zurückgezogen haben und alles aussperren, was in ihrer Umgebung passiert. Sie gucken durch einen hindurch und sind völlig teilnahmslos.

Nun beschrieb ich zwar auch die Fortschritte und die Annährungen und die Erfolge, die ich bei dem Kater erzielte in meinem Blog, haften blieb aber scheinbar bei der Familie lediglich, dass er ein Aggressionsproblem hat und darauf seien sie ihrer Meinung nach nicht ausreichend hingewiesen worden. Auch dazu möchte ich noch etwas anmerken.

Viele Katzen, nicht nur die im Tierheim, reagieren mit Distanzierungsaggression auf Annäherung fremder Menschen. Das ist ein Normalverhalten und keinesfalls eine Verhaltensstörung!

Aggression ist nach Wikipedia ein „biologisch fundiertes Verhaltensmuster zur Verteidigung und Gewinnung von Ressourcen sowie zur Bewältigung potenziell gefährlicher Situationen.“

Sicherlich kann man differenziertere Begriffsdefinitionen auftreiben, aber der Kern ist wichtig: Aggression ist in ausgewählten Situationen eine Überlebensstrategie.

Gerade die ersten Tage im Tierheim, sind für viele Katzen so erschütternd, dass sie nicht fressen, nicht auf  die Katzentoilette gehen und nicht schlafen. Sie reagieren natürlicherweise mit Aggression auf unsere Annährungen. Aber bisher hat jede Katze, nach der für sie individuell erforderlichen Zeit und abhängig von ihrer Unterbringung und den ihr zur Verfügung gestellten Rückzugsmöglichkeiten, Vertrauen gefasst und nach dem überstandenen ersten Schreck, die gezeigte Distanzierungsaggression abgelegt und Explorationsverhalten, Spielverhalten und soziopositive Annährungen gezeigt.

Hinzukommt, dass die halterlosen Katzen im Tierheim, im Vergleich zu unseren behüteten Familienkatzen, unter dem Einfluss vielfältigem und großem Stress stehen, nicht nur, weil sie ihr Zuhause verloren haben, weil sie vielleicht schlimme Erlebnisse mit sich herum tragen, sondern, auch weil die Haltungsform im Tierheim nicht artgerecht ist, und da können sich die Tierheime noch so große Mühe geben.

Katzen, die keine Artgenossen mögen, sind täglich mit diesen konfrontiert, ständig wechseln die Gruppenzusammensetzungen und diese sozial wenig flexiblen Tiere, müssen sich ständig auf neue Gruppenverhältnisse einstellen. Außerhalb ihrer Gehege laufen pausenlos kläffende Hunde herum, laute klappernde und scheppernde Menschen schieben Karren und andere erschreckenden Gerätschaften vor sich her. Dann fehlt auch noch ein verlässlicher menschlicher Sozialpartner, der ihnen ausreichend Kontakt bietet, um eine vertrauensvolle Bindung herzustellen, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit gibt.

Für das Tierheimpersonal sind daher wehrhafte Katzen an der Tagesordnung, obwohl ich mich manchmal wundere, dass nicht mehr Kratz- und Bisswunden versorgt werden müssen, wenn ich mit ansehe, wie gedankenlos Interessenten Katzen, die sie gar nicht kennen, einfach hochheben und die sich leicht sträubenden Tier gegen ihren Willen festhalten.

Abwehr- und Verteidigungsverhalten einer speziellen Katze sind gerade im Tieheim immer abhängig, von der Tagessituation, (wurde schon gefüttert? wurden Medikamente verabreicht? wurde eine neue Katze in die Gruppe gesetzt? wurde eventuell eine Katze aus der Gruppe entfernt?) und von ihrer ganz persönlichen Einschätzung der Gefährlichkeit der Situation und den von ihr für erforderlich gehaltenen Sicherheitsdistanz.

Nun dieser spezielle Kater saß unter seinem Bett, kam auf Locken der Familie hervor, ließ sich unter dem Bett kraulen und schlug einmal mit der Pfote nach einer zu aufdringlichen Hand. Tatsächlich lag kein offensiv aggressives Verhalten vor, er zeigte in der Situation eine milde Distanzierungsaggression und während meiner ganzen Arbeit mit ihm keinesfalls eine Aggressionsstörung. Sie wurden darauf hingewiesen, dass der Kater eine schlimme Zeit hinter sich hatte, dass er ein körperliches Handicap hat und Zeit braucht, um alles zu verdauen.

Ich wüsste nicht was man noch mehr hätte erklären können. So gesehen, hätten dann 70% unserer Katzen ein Aggressionsproblem.

Ich möchte auch erwähnen, dass ich mich oft außerstande sehe eine Prognose zur Entwicklung einer Katze in ihrem neuen Zuhause oder der Dauer ihrer Eingewöhnung zu geben, da das mir präsentierte Verhalten immer auch das Sperrfeuer aller Widrigkeiten der Tierheimunterbringung reflektiert.

Ich kann Tendenzen aufzeigen und Hilfestellung anbieten, aber wie sich eine spezielle Katze in einer normalen, liebevollen und entspannten Umgebung verhalten oder entwickeln wird ist mir nicht möglich.

Wer aber ein Tier, mit einer schwierigen Vorgeschichte aus dem Tierheim nimmt, sollte die Zeit haben, dass selber herauszufinden.

Falls Sie eine Katze adoptieren und in meinem Blog etwas zu seiner Vorgeschichte lesen, lassen Sie sich nicht zu stark beeindrucken, denn es sind wie gesagt Momentaufnahmen während eines Annäherungsprozesses nach einer für die Katze katastrophalen Lebensänderung und unter Umständen, die die Tiere zwingen Überlebensstrategien zu entwickeln.

Rufen Sie mich einfach an, denn ich spreche gerne über meine Schützlinge und freue mich von ihnen zu hören.