Degenerative Gelenkserkrankungen bei der Katze

Degenerative Gelenkserkrankungen

Degenerative Gelenkserkrankungen sind Veränderungen Gelenke durch den Abbau von Gelenkknorpel, die mit Funktionseinschränkungen und Schmerzen verbunden sind wie Arthrose, Osteoarthrose und Spondylose

Arthrotische Veränderungen gehören bei der alten Katze, zu den häufigsten chronischen Schmerzgeschehen, die leider oft unentdeckt bleiben, weil die Katze nicht zu Schmerzverhalten wie Lahmheit neigt.

Studien haben gezeigt, dass 90 % der über 12jährigen Katzen an einer schmerzhaften Gelenkabnutzung leiden. Bei Katzen von 6 Jahren sind es immerhin schon 34%. Am häufigsten ist das Ellbogengelenk betroffen. Dicht gefolgt von Hüft-, Kniegelenk, Schulter und der Lendenwirbelbereich der Wirbelsäule.

Die (primäre[1]) Arthrose entsteht durch einen mechanischen Verschleiß der Knorpelschicht im Gelenk. Der Knorpelschaden hat schmerzhaften Entzündungen in der Gelenkkapsel zur Folge, in deren Verlauf das Gelenk verdickt und seine Beweglichkeit zunehmend einbüßt. Die Schmerzen führen dazu, dass die Katze die entsprechende Gliedmaße schont. Durch die Schonhaltung wird das geschädigte Gelenk jedoch weniger bewegt. Die fehlende Bewegung führt wiederrum dazu, dass das Gelenk und umliegende Gelenke nicht ausreichend Gelenkschmiere produzieren. Der verbliebene Knorpel baut sich noch schneller ab, da er nicht ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird und die Gleitfähigkeit im Gelenk reduziert ist. Die zunehmenden Verletzungen der Knorpelhaut führen zunächst zu einer Wucherung des Bindegewebes und später zu einem irreversiblen Umbau des Knochens in Form von knöchernen Anlagerungen an den Gelenkflächen (Osteophyten). Gleichzeitig belastet die Katze durch die Schonhaltung andere Gelenke stärker und überanstrengt diese durch die unnatürliche Haltung. Dies ist der Beginn einer Schmerzspirale.

Neben dem Alter begünstigen verschiedene Faktoren die Entstehung von Arthrosen und degenerativen Gelenkserkrankungen:

  • bestimmte Rassen besitzen eine genetischen Dispositionen für bestimmte Gelenkerkrankungen

o    Hüftdysplasie (z. B. Main Coon, aber auch Perserkatzen und Siamesen),

o    Patella Luxation (z.B. bei Rassen wie den Abyssiniern und Devon Rex

o    Knorpelfehlbildungen (Osteochonrodysplasie) der Scottisch Folds sind für die geknickten Ohren der Rasse verantwortlich, betreffen aber den Knorpel des gesamten Körpers, vor allem die Oberschenkelknochen und Gelenke

  • Verletzungen und Traumas (Knochenbrüche, Dislokationen, sekundäre Osteoarthritis)
  • Übergewicht
  • Diabetes mellitus

 

Zeichen für eine Gelenkerkrankung

Schmerzhafte Veränderungen des Gelenkapparates sind bei der Katze, im Gegensatz zu Hunden, oft nicht offensichtlich, da Katzen im allgemeinen Schmerzen und Beschwerden verbergen.

Katze verändern stattdessen langsam aber stetig ihre Lebensweise.

Es beginnt mit Einschränkungen der Raumnutzung und Bewegung. Die Steifheit und der Schmerz schränken die Bewegungsfreiheit ein und die Katze ändert ihr Komfortverhalten. Der dauernde Schmerz stresst die Katze und dies führt zu einem veränderten Sozialverhalten. Die Katze ist Auseinandersetzungen nicht gewachsen und hat kein Interesse an Sozialspielen. Sozialkontakte und Berührungen werden als unangenehm empfunden, die Katze zieht sich oft zurück. Diese Veränderung führen oft in eine Depression oder Angststörung.

 

Einschränkung der Mobilität

Die Raumnutzung, insbesondere der 3. Dimension, wird immer weiter eingeschränkt. Die Katze

meidet frühere erhöhte Lieblingsorte, liegt oft an ein und demselben Platz,

patrouilliert seltener im Revier und schränkt Ausflüge nach draußen ein, klettert eher als das sie springt, springt nicht mehr oder nicht mehr so hoch, bevorzugt niedrigere einfacher zu erreichende Plätze, verspringt sich öfter und zaudert vor dem Absprung länger, meidet Treppen. Nach längerem Ruhen sind Bewegungsschwierigkeiten (Steifheit/Lahmheit) sichtbar. Auch können Probleme beim Einstieg in die Katzentoilette oder beim Passieren der Katzenklappe, Probleme beim Harn- oder Kotabsatz aufgrund der Schonhaltung, beobachtet werden.

 

Veränderung der Aktivität

Die Katze spielt weniger, ist insgesamt inaktiver und passiver, schläft mehr, nutzt Kratzgelegenheiten seltener, die Krallen werden oft zu lang, da die Katze weniger läuft und seltener die Krallen schärft. Zu lange Krallen führen zu weiteren Problemen beim Laufen und drohen einzuwachsen. Explorations- und Neugierverhalten scheinen reduziert. Die Katze jagt weniger, putzt sich weniger, vor allem an schlecht zugängliche Körperpartien (Rücken/Schwanzansatz) verfilzen. Schmerzhafte Partien werden oft kahlgeleckt oder gerupft (oft Fuß- und Beingelenke und entlang der Wirbelsäule). Verringerter Appetit und vermehrtes Vokalisieren können auch Schmerzmarker sein.

 

Veränderung des Sozialverhaltens

Die Toleranz gegenüber Körperkontakt und sozialer Interaktion ist gesenkt. Die Katze wird berührungsempfindlich, distanziert sich häufiger, reduziert Sozialkontakte. Häufig ist eine Zunahme von Distanzierungsaggression. Das veränderte Erscheinungsbild und Gangbild können bei Mitkatzen aggressives Verhalten auslösen.

 

Veränderung des Ausscheidungsverhaltens

Häufig tritt Unsauberkeit auf, weil der Zugang zur Toilette zu beschwerlich ist (fehlender erniedrigter Einlass). Andere Katzen nehmen beim Kot- oder Harnabsatz eine Schonhaltung ein und hocken sich nicht mehr hin, dadurch geht oft etwas über den Rand hinaus. Mit zunehmendem Schmerz wird es immer schwieriger in der engen Haubentoilette die Schonhaltung einzunehmen oder die Toilette wird insgesamt mit Schmerzen beim Ausscheiden (hocken, krümmen, pressen) in Verbindung gebracht und gemieden.

 

Diagnose

Ab dem siebten Lebensjahr sollte jede Katze regelmäßig auf schmerzhafte Veränderungen des Gelenkapparates untersucht werden. Wichtigste Indizien sind die Beobachtungen des Halters.

Untersuchungen sind schwierig, da die Überprüfung von Beweglichkeit sehr schmerzhaft ist, bildgebende Verfahren sind nicht immer aussagefähig, da vor allem zu Beginn der degenerativen Veränderungen diese z. B. auf Röntgenbildern nicht sichtbar sind. Unter Umständen hilft es für einen bestimmten Zeitraum ein entzündungshemmendes Schmerzmittel zu verabreichen, um festzustellen, ob eine Besserung eintritt. Zuvor sollten Blut- und Urintests durchgeführt werden um weitere Erkrankungen bei der Medikamentierung berücksichtigen zu können. Oft ist die eklatante Verbesserung des Zustandes der Katze unter Schmerzmitteln das einzige Indiz für ein chronisches Schmerzgeschehen.

Bevor durch die Gabe von Schmerzmitteln eine Besserung eintritt können bis zu sieben Tage vergehen. Katzen die über einen langen Zeitraum unerkannt unter chronischen Schmerzen gelitten haben, benötigen einen ungleich längeren Zeitraum, um eine Verbesserung zu erreichen, da zunächst ihr „Schmerzgedächtnis“ überschrieben werden muss.

Unter Schmerzgedächtnis versteht man eine neuronale Veränderung im Gehirn und Rückenmark durch Schmerzerfahrungen. Starke, anhaltende Schmerzreize hinterlassen sehr schnell bleibende Spuren im Gehirn: Nervenzellen erhöhen ihre Reaktionsbereitschaft und setzen verstärkt Botenstoffe frei. Gleichzeitig vermehren sich die Rezeptoren und verändern ihre Eigenschaften. Dadurch funktioniert die Reizübertragung effektiver. Die hochsensiblen Nervenzellen sind lernfähig und senden schon bei schwachen Reizen wie Wärme, Druck, Wetterumschwung, Dehnung oder Berührung oder sogar ganz ohne auslösende Reize, Schmerzsignale an das Gehirn.

Die Schmerzempfindung ist nun nicht mehr allein durch körperliche Veränderungen erklärbar.

Die Schmerzen führen zu einer Schonhaltung, die Katzen bewegen sich weniger, und es entstehen neue Schmerzpunkte im Körper, die sich ebenfalls chronifizieren, wenn keine Schmerztherapie greift. Auch diese Nervenzellen entwickeln sich dann zu Schmerzgeneratoren. Die ursprüngliche Ursache ist mittelfristig nicht mehr feststellbar.

Chronischer Schmerz verändert einerseits auf der Ebene der Nervenzellen, die Reizweiterleitung und der Reizsensibilität und andererseits führt die Reduzierung der Aktivität, die Verringerung der Mobilität und der schmerzbedingte soziale Rückzug zu einer Veränderung des gesamten Verhaltens und des Lifestyls.

Das Schmerzgedächtnis kann nur bei Schmerzfreiheit über einen Lernprozess überschrieben werden. Dazu muss die Katze die Erfahrung machen, dass die zuvor gemiedenen Bewegungsabläufe nicht mehr schmerzhaft sind. Dies ist schon beim Menschen ein sehr langwieriger und schwieriger Prozess, entsprechend komplizierter ist der Prozess des Umlernens bei der Katze. Neben der Gabe der Schmerzmittel muss die Katze also aktiv zu Bewegung angeregt werden. Passiv kann dies durch Physiotherapie und Massagen geschehen, aktiv durch Spiel und Kletterangebote.

 

Behandlung von degenerativen Gelenkerkrankungen

Barrierefreiheit und Wellness

Da es sich um eine nicht reversible Entwicklung handelt ist es enorm wichtig die Lebensqualität der Katze zu verbessern und die Einschränkungen, die sie durch den Verlust der Beweglichkeit erfährt bestmöglich zu kompensieren.

o   Aufstiegshilfen zu den beliebtesten Ruhe- und Schlafplätzen (Kratzbaum, Sofa, Fensterbrett,…)

o   Etablierung neuer, ruhiger, warmer, weicher und witterungsgeschützter Rückzugsorte,

o   Snuggelpads

o   barrierefreier Zugang und kurze Wege zu Toilette, Katzenklappe, Futter und Wasser

o   Mindestens eine Toilette je Stockwerk

o   erhöhte Futter- und Wasserstellen, so dass die Katze schmerzhafte Bewegungsabläufe vermeiden kann

o   Unterstützung bei Fell- und Krallenpflege

o   vermehrte Aufmerksamkeit und Zuwendung, um eine Depression oder Angststörung zu vermeiden

o   Altersgerechte Spiele und Unterhaltung

Wichtig ist die Flüssigkeitsaufnahme zu fördern, da dies die degenerativen Prozesse verlangsamt. Viele attraktive Wasserstellen, an denen die Katze während ihrer Rundgänge vorbeikommt animieren zu zusätzlicher Wasseraufnahme genauso wie die Aromatisierung mit etwas Thunfischsaft oder der Gabe von Naturjoghurt.

 

Diät und Ernährungsergänzungsmittel

Übergewicht beschleunigt den Abnutzungsvorgang und verschlimmert die Bewegungsschmerzen. Übergewichtige Katzen dürfen jedoch nur sehr langsam abnehmen, nicht mehr als 1-2% des eigenen Köpergewichtes pro Woche, da ein schneller Gewichtsverlust gerade bei übergewichtigen Katzen zu einer lebensbedrohlichen hepatischen Lipidose[2] führen kann. Eine Gewichtsreduktion sollte nur in Absprache mit dem behandelnden Tierarzt erfolgen.

Omega 3 Fettsäuren sollen entzündliche Prozesse reduzieren und schmerzmindernd wirken. Gluckosamin ist ein Baustoff des Knorpels, des Bindegewebes und der Gelenkflüssigkeit und wird aus Chitin (z. B. Schalen von Krebstieren und Muscheln) hergestellt. Glucosaminhaltige Nahrungsergänzungsmittel z. B. Grünlippmuschelextrakt oder Cosequin® sollen die Bildung von Gelenkknorpel unterstützen, entzündungshemmend und schmerzlindernd wirken.

Chodroitin hingegen wird oral eingenommen nicht resorbiert (Bioverfügbarkeit), sondern verdaut und größtenteils in Glucosamin umgebaut.

Bei den marktüblichen Nahrungsergänzungsmitteln ist die Konzentration meist zu gering. Die Präparate sind nebenwirkungsfrei und ungefährlich, eine eindeutige Wirkung bei Katzen konnte noch nicht nachgewiesen werden.

ASU Avocado/Soybean unsaponifiables (Avocado/Sojabohnen unverseifbare Stoffe) Präparate werden seit einigen Jahren gegen den Knorpelabbau eingesetzt. Sie stehen im Ruf, entzündungshemmend zu sein und helfen die Knorpeloberfläche zu reparieren. Studien haben die Wirksamkeit beim Menschen belegt.

 

Medikamente

Medikamente gegen Arthrose wirken schmerzlindernd und entzündungshemmend und müssen durch den Tierarzt verordnet und überwacht werden. Da es sich um eine Langzeitgabe handelt, müssen Nebenwirkungen und Dosierungen genau kontrolliert werden.

Meloxicam (Metacam) ist ein nichtsteroidales Antirheumatikum und das bekannteste Langzeit-Schmerzmittel für Katzen mit den geringsten Nebenwirkungen. In manchen Fällen konnte beobachtet werden, dass die Wirkung von Metacam nach einiger Zeit nach lässt.
Gegenindikation bei Niereninsuffizienz, Erkrankungen der Magen – oder Darmschleimhaut. Nebenwirkungen: Inappetenz, Durchfall, Erbrechen

Onsior nichtsteroidaler Entzündungshemmer

Gegenindikation: bei Magengeschwüren, bei eingeschränkter Herz- Nieren oder Leberfunktion

Nebenwirkungen: Durchfall und Erbrechen

Buprenophine, dem Morphium verwandtes Opiat,
Gegenindikation bei Niereinsuffizienz oder Schilddrüsenüberfunktion,
Nebenwirkungen: Verdauungsprobleme, Magenschmerzen, Sedierung, Schwäche und verlangsamte Atmung

Amantidine blockiert spezielle Schmerz –Rezeptoren, Monoamiooxidase-Hemmer, Gegenindikation bei Niereninsuffizienz, Epilepsie, Lebererkrankungen und Herzfehlern Nebenwirkungen: Durchfall, Halluzinationen, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck,

Tramadol Opioid, dass bestimmte Schmerzrezeptoren im Gehirn blockiert, Serotonerge Wirkung (Antidepressiva)
Gegenindikation: Epilepsie
Nebenwirkungen: Verstopfung, Benommenheit, Halluzinationen, Übelkeit und Erbrechen

Gabapentin Anti-Epileptikum und zur Behandlung neuropathischer Schmerzen

Gegenindikation bei Nieren- und Lebererkrankungen oder bei Entzündungen der Bauchspeicheldrüse
Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall

 

Physiotherapie und Akkupunktur

Die Hilfe eines guten Physiotherapeuten, der Hausbesuche macht ist ein wahrer Segen für Schmerzpatienten. Die wichtigste Therapie für die geschädigten Gelenke ist gerichtete Bewegung. Die krankengymnastischen Bewegungen müssen katzengerecht, in kleinen Dosen über den Tag verteilt durch den Besitzer nach Anleitung durch den Physiotherapeuten geübt werden. Akkupunktur, Magnetfeldtherapie und Matrix-Rhythmus-Therapie können, je nach Temperament der Katze zu einer Erhöhung der Beweglichkeit und einer Reduktion der Schmerzmittel führen.

Auch eine Blutegeltherapie kann bei gut lokalisierten Schmerzpunkten einer duldsamen Katze große Erleichterung verschaffen.

 

 

Quellen:

„Arthritis and degenerative joint diseases in cats“ by International Cat Care

“Osteoarthritis in cats: What we now know about recognition and Treatment” By Shelly A. Robertson

“Treating Chronic Pain In the Geriatric Feline” by Christi Benigni

“A Review of Opioide Use in Cats” by Shelly A. Robertson
“Genetic welfare problems of companion animals – Osteochondrodysplasia” by Rosie and David Godfrey Universities Federation of Animal Welfare (UFAW)

“Neuropathic Pain: Are you Seeing it more than you think?” Mark E. Epstein

 

[1] primäre (idiopathische) Arthrose:

  • Missverhältnis zwischen Belastung und Belastbarkeit des Gelenkknorpels (Übergewicht, Überbelastung, etc.),
  • angeborene Fehlstellungen oder Gelenkdysplasien

sekundäre Arthrose:

  • traumatisch bedingt: Gelenkfehlstellungen nach Trauma, etc.
  • metabolisch bedingt: Gewebe-/Knochenschäden bei Mangeldurchblutung, Diabetes mellitus, , Entzündungen, etc.
  • medikamentös bedingt

 

 

[2] www.katzendiabetes.de/1947672.htm