Sommerzeit ist Kittenzeit

Fast täglich werden nun kleine Katzenkinder mit und ohne Mutter, alleine oder mit Geschwistern, teilweise in einem schlimmen gesundheitlichen Zustand aufgesammelt, eingefangen und im Tierheim abgegeben.

Neben der gesundheitlichen Versorgung, der Beseitigung von Würmern und Flöhen, sowie den erforderlichen Impfungen, muss auch für die erforderliche soziale Entwicklung der Katzenkinder und deren Sozialisierung auf Artgenossen und vor allem Menschen gesorgt werden.

Die kritische Phase für die Sozialisierung auf Artgenossen und andere Lebewesen liegt zwischen der 2. und 7. Lebenswoche. In dieser Zeit ist jeder Sozialkontakt (inter- und intraspezifisch) entscheidend für das spätere Wesen der Katze. Zutraulichkeit und Aufgeschlossenheit der Katzenkinder hängt ausschlaggebend von diesem Zeitfenster ab und ist nur schwer und mit viel Aufwand und Geduld danach aufzuholen.

Unerwähnt sollte nicht bleiben, dass auch genetische Dispositionen, die vermutlich väterlicherseits mitgegeben werden die Fähigkeit zur Exploration und die Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Lebewesen determinieren.

Je mehr Erfahrungen und je unterschiedlicher, die möglichst positiven Sozialkontakte jedoch sind, umso selbstverständlicher und flexibler geht die Katze zukünftig mit Neuerungen und Umstellungen um.

Studien haben ergeben, dass die soziale Entwicklung am nachhaltigsten positiv beeinflusst werden kann, wenn jeder Katzenwelpe pro Tag etwa 15 Minuten „handling“ (gentling / fondling) erfährt. Eine längere Handlingsphase hat keine weitergehende Wirkung.

Unter „handling“ versteht man den Umgang (Anfassen, Spielen, Manipulieren, Hochheben, Streicheln, Interagieren) mit den Katzenkindern unter Einbeziehung unterschiedlicher Personen, unterschiedlichen Geschlechtes und Alters.

Mit zunehmendem Alter sollten die Katzenkinder auch anderen Reizmustern, Geräuschen, Gerüchen und Umgebungen ausgesetzt werden, selbstverständlich sehr dosiert und ohne die Babys zu überfordern.

Das Handling stellt einen Stressor dar und modifiziert das zentrale Nervensystem, dies erleichtert ausgewachsenen Tieren die Adaption an Umgebungsstress. Derart gehandelte Katzenkinder entwickeln sich schneller, nehmen schneller Gewicht zu und haben bei Cortisol Untersuchungen deutlich niedrigere Werte als nicht gehandelte Katzenkinder. Stressreaktivität und Ängstlichkeit sind deutlich herabgesetzt.

Die Sozialisierung der Katzenkinder ist jedoch problematisch:

Viele Findelkinder haben während entscheidender Entwicklungsstufen aus Quarantänegründen keinen Umschluss mit Artgenossen oder anderen Katzenkindern. Soziales Spiel ist jedoch eine Voraussetzung für das Erlernen von Impulskontrolle (z.B. Beißhemmung) und sozialer Regeln. Viele dieser Findelkinder mutieren zu rücksichtslos spielenden Flegeln, die ihre Spielgefährten schmerzlich verletzen können und in ihrem Kommunikationsverhalten beschränkt sind.

Der fehlende Kontakt zu Mutter nimmt den Kitten die Chance moderater Frustrationserfahrung während der Entwöhnungsphase zu sammeln. Persistierendes Saugen, Pica und eine Neigung zu Hyperattachment sind häufige Folgen mutterloser Aufzucht.

Der fehlende Kontakt zu Menschen führt zu Angstreaktionen und Meideverhalten.

Viele der Katzenkinder kommen mit ihren wilden Müttern ins Tierheim. Die Mütter sind hochgradig verängstigt und entsprechend aggressiv verteidigen sie ihre Jungen gerade in den ersten Wochen gegen jede Form der menschlichen Annäherung.

Jede Interaktion stresst die Mutter und es muss oft lange abgewartet werden, bevor man sich den Jungen nähern kann. Zu diesem Zeitpunkt haben die Babys sich aber das Verhalten der Mutter schon abgeguckt. Kontaktaufnahmen in Gegenwart der Mütter sind oft eher kontraproduktiv, da die Angst und die Aggression der Mutter sich auf die Jungen überträgt und das Meideverhalten der Kinder gegenüber Menschen verstärkt. Also gilt es die Mütter nach der Entwöhnung schnellstmöglich zu kastrieren und ihren Aufenthalt im Tierheim so kurz wie möglich zu gestallten.

Mein Ziel ist es nun, die kleinen Zwerge langsam zu sozialisieren.

In der vergangenen Woche habe ich mit drei Gruppen angefangen:

Fünf kleine schwarze Kitten ca. 8 Wochen zusammen mit ihrer wilden Mutter (Pensionshaus 6)

Vier Grautigerkitten im Alter von ca. 10 Wochen ohne Mutter (Pensionshaus 3)

Drei Grautiger im Alter von ca. 12 Wochen ohne Mutter (Pensionshaus 10)