Frühentwicklung von Katzenkindern (Ontogenese)

Das Verhalten von Kätzchen entwickelt sich, wie bei allen Säugetieren, in der Polarität von genetischer Grundausstattung und Umwelteinflüssen.

 

1.1           Vorgeburtliche Einflussfaktoren

Bereits vor der Geburt wirken Einflüsse auf das Kätzchen ein, welche das Verhaltensrepertoire und die Entwicklungsgeschwindigkeit entscheidend beeinflussen.

Zu den wichtigsten vorgeburtlichen Einflussfaktoren gehören der Ernährungszustand und der Stresslevel der Mutter.

 

Vorgeburtlicher Stress und eine physiologische Unterversorgung der Mutter verringert die Plazentaanhaftung der Embryonen. Dadurch wird

–     die Abortrate erhöht

–     es kommt zu einer Unterversorgung der Welpen.

–     die Welpen sind kleiner und leichter als normal versorgte Welpen.

–     die Überlebenschancen in den ersten Tagen sind deutlich herabgesetzt.

–     die Wachstumsgeschwindigkeit ist beeinträchtigt

–     die Würfe sind insgesamt kleiner

 

Stress bei der Mutter und der damit einhergehende erhöhte Cortisolspiegel verändert die Gehirnentwicklung der Welpen bereits im Mutterleib. Cortisol ist fettlöslich und gelangt über die Plazenta in den Stoffwechsel der Embryos, dort erhöht das Cortisol die Zellteilung im blauen Kern[1] des Gehirns. Das Stresszentrum, mit Sitz im blauen Kern,  wird größer. Das Kitten wird dadurch empfindlicher und geringe Belastungen führen zu stärkeren (Stress-) Reaktionen. Gleichzeitig wird das Stressbewältigungssystem (Oxitocinsystem), das zuständig ist für soziales Lernen, Nachahmungslernen, soziale Kompetenz und Kooperationsverhalten ist, negativ beeinflusst. Ein solcher Welpe neigt zu Nervosität, kann nicht entspannen und fühlt sich in sozialen Kontaktsituationen überfordert, das Sozialverhalten ist nachhaltig gestört.

Diese erhöhte Stressreaktion und der verminderte Oxitocynstoffwechsel in diesem frühen Stadium kann nicht rückgängig gemacht oder kompensiert werden. Lediglich Stressmanagementmaßnahmen, Desensibilisierung und Generalisierungen von Lernerfahrungen in der nachgeburtlichen Entwicklung können hier gegensteuern und die Überreaktion bei unerwarteten Ereignissen abmildern.

Selbst wenn die Mangel- oder Unterernährung der Mutter in der vorgeburtlichen Phase nur einen Zeitraum von 2-3 Wochen umfasst, führt dies nachgewiesenermaßen zu einem veränderten Verhalten. Insgesamt sind diese Kitten in ihrer Entwicklung verlangsamt.

Bei Kitten mangelernährter Mütter zeigt sich wie stark verzahnt der Erwerb einzelner Fähigkeiten ist:

Ein Eiweißmangel führt zu einer Veränderung des Gehirns. Die Kitten lernen weniger und langsamer, ihre Neugier ist reduziert (eingeschränktes Explorationsverhalten), dadurch sind sie sie weniger aktiv. Durch die geringere Aktivität entwickelt sich die Motorik langsamer, sie wirken grobmotorisch, auch im Umgang mit Sozialpartnern und haben eine schlechtere Körperbeherrschung. Dies wiederrum schränkt auch das Sozialspiel eine, sie sind ungeselliger und häufig sind männliche Kitten aggressiv. Diese Defizite sind meist nicht reversible.

Stress und Unterversorgung der Mutter führt darüber hinaus zu Fehlentwicklungen in der Symmetrie der Jungtiere. Die physiologischen Kosten für eine korrekte Zahnstellung und die Körpersymmetrie werden eingespart. Das Resultat sind morphologische Asymmetrien im Skelettaufbau sogenannte „schräge Typen“.

Auch die Lern- und Konzentrationsfähigkeit der Kitten wird bereits durch eine vorgeburtliche Unterversorgung der Mutter eingeschränkt.

Auch die Lage des Kittens im Uterus beeinflusst den Hormonstatus des Kittens schon vor der Geburt. So erfahren weibliche Kitten, die zwischen Katern liegen eine Maskulinisierung. Nicht nur der Körperbau wird großrahmiger, auch das Spielverhalten nach der Geschlechtsreife und das Revierverhalten (Größe des Streifgebietes) ähneln dem eines Katers. Bei Katern, die nur Schwestern hatten, konnte nachgewiesen werden, dass sie in der Regel sozialverträglicher sind und oft in größeren Gruppen eine Onkelrolle bei der Erziehung nachfolgenden Jungtieren übernehmen.

1.2           Postnatale Entwicklung des Sinnessystems

Die Jungtierentwicklung ist von der Aktivierung des Sinnessystems abhängig.

Die Thermotaktile Phase spielt insbesondere innerhalb der ersten 2-5 Tage eine übergeordnete Rolle. bereits zwischen dem 3-4 Tag nach der Geburt beginnt die olfaktorische Phase und die Kitten können sich bereits über Gerüche orientieren. Mit einer Woche nehmen auch akustische Eindrücke an Bedeutung zu, und mit 2-3 Wochen öffnen sich langsam die Augen.

 

1.2.1         Temperaturempfinden Thermoregulation Tastsinn Berührungssensorik

Die Kitten kommen taub und blind auf die Welt. Vorgeburtlich hat sich bereits der Tastsinn und der Gleichgewichtssinn entwickelt. Zur Orientierung stehen ihnen in den ersten zwei Tagen nur ihr Tastsinn und ihr Temperaturempfinden zur Verfügung. Wärmerezeptoren und Tastsensoren helfen den Kitten in die Nähe der Mutter im Warmen zu bleiben und die Zitzen zu finden. Bereits in der ersten Woche spielt der Geruchssinn eine immer größere Rolle und löst den Tastsinn ab.

Erst mit 2-3 Wochen sind die Kitten langsam in der Lage ihre Temperatur selber zu regulieren (durch den eigenen Metabolismus). Eine kurzzeitige Unterkühlung in den ersten Tagen kann die Entwicklung des sensorischen und motorischen Nervensystems beschleunigen. Die Mangellage führt zu einem Kickstart und verschafft diesen Kitten den erforderlichen Entwicklungsvorsprung, um in einer weniger freundlichen Umwelt zu überleben z. B. werden sie dadurch bewegungsfreudiger.

Körperlicher Kontakt , mit den Wurfgeschwistern und der Mutter haben einen beruhigende Wirkung auf die Kitten. Wird ein Kätzchen nach einer kurzen Trennung von der Mutter zurück in das Nest gesetzt, steckt es den Kopf so tief wie möglich in das Fell der Mutter. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass erwachsene Katzen beruhigt werden können, wenn man das Gesicht/Kopf mit den Händen oder einem Tuch bedeckt. Der Effekt kann gesteigert werden, wenn eine Vertrauensperson die Augen bedeckt, was dafür spricht, dass auch der vertraute Geruch und nicht nur die Berührung beruhigend wirkt.

Bereits gegen Ende der ersten Woche, werden mit den Vorderpfoten Dinge ertastete, drei Wochen bevor die Bewegungen durch visuelle Eindrücke gesteuert werden.

Der Tastsinn und die Berührungssensorik werden durch die mütterlichen Massagen beim Putzen gefördert. Diese Massagen dienen dazu Stress abzubauen, das Immunsystem zu stärken und reduzieren die Gefahr von Stoffwechselerkrankungen. Die Reifung des somatischen Nervensystems wird angeregt. Gute mütterliche Fürsorge und regelmäßige Pflege regt, wie regelmäßiges Streicheln und Knuddeln ab der 2. Lebenswoche, die Hauptsinnesorgane an. Neugierverhalten wird bestärkt und ausgelöst, die Kitten agieren aktiver und umweltorientierter (Explorationsverhalten) und das Vermeidungslernen[2] ist reduziert. Die Kehrseite eines so aufgeschlossenen Welpen ist, dass sie oft dominant (stur) und willensstärker werden.

1.2.2         Geruchssinn

Der Geruchssinn ist bereits bei /kurz nach der Geburt eine wichtiger Orientierungshilfe, so reagieren Kitten bereits am zweiten Tag nach der Geburt auf unangenehme Gerüche mit einer Abwehrreaktion / Meideverhalten. Zwischen dem 3. und 4. Tag beginnt die Mutter ein Zitzensuchpheromon (Appeasing pheromone) zu produzieren. Es wurde häufig beobachtet, dass die Kitten eine Zitzenpreference entwickeln. Die Orientierung auf eine spezielle Zitze erfolgt über den Eigengeruch, den das Kitten bei den vorhergehenden Besuchen an der Zitze hinterlassen hat. Verliert ein Junges den Kontakt zu Mutter und Geschwistern, bedeutete dies Stress. Diesen Stress kann man bereits  reduzieren, wenn man lediglich den Geruch des Nests darbietet, ohne sozialen Kontakt anzubieten.

Der Geruchssinn erlaubt den Kitten zum ersten Mal eine Distanzierung von der Mutter, da der Kontakt zur Mutter und den Wurfgeschwistern jetzt auch über den Geruch wiederhergestellt werden kann. Die Reifung des Riechsystems dauert noch einige Wochen. Die Entwicklung des Jacobsonsches Organ (Vomeronasales Organ) erfolgt etwa zwischen der 3. und 5. Woche. Mit etwa 6 Wochen kann man bei den jungen Katzen zum ersten Mal Flehmen beobachten, insbesondere bei Kontakt mit Geruchsquellen wie Urin. Die typischen Reaktionen auf Baldrian und Katzenminze entwickeln sich erst zwischen 6 und 9 Monaten.

1.2.3         Hörsinn

Bei der Geburt ist der externe Gehörgang noch verschlossen und beginnt sich erst zwischen dem 6. und 14. Tag zu öffnen. Ab dem 5. Tag kann man an den Kitten Reaktionen auf Geräusche feststellen.  Eine Schreckreaktion auf laute Geräusche kann man etwa nach 7 Tagen beobachten. Eine erste Orientierung auf die Geräuschquelle erfolgt mit ca. zwei Wochen. die Kitten können mit etwa drei Wochen ihre Mutter und ihre Wurfgeschwister an der Stimme wiedererkennen, eine richtige Antwort auf ein Geräusch erfolgt mit ca. vier Wochen. Das Gehör ist mit etwa einem Monat ausgebildet

 1.2.4         Sehsinn

Neugeborene Katzen sind in den ersten Wochen vollständig abhängig von ihrer Mutter. Fast alle Sinne, das Immunsystem und die Lokomotionsfähigkeit bedürfen einer postnatalen Reifung. Das Auge eines neugeborenen Kätzchens entspricht dem Entwicklungsstand eines 5 Monate alten menschlichen Fötus und ist geschlossen.

Das Auge beginnt sich zwischen dem 5 und 14 Tag nach der Geburt leicht zu öffnen. Etwa 9- 17 Tage nach der Geburt sind beide Augen vollständig geöffnet. Verschiedene externe Faktoren (ein früher Umgang mit Menschen, Lichtverhältnisse nach der Geburt, Alter der Mutter, Geschlecht und genetische Einflüsse des Vaters) beeinflussen den Prozess.

Auch nach dem die Augen geöffnet sind, laufen viele komplizierte anatomische und vaskuläre Prozesse ab und erst nach etwa 4 Monaten ist das Auge und das Sehvermögen vollentwickelt.

Bevor sich die Augen öffnen, etwa um den 3. Tag, deutete sich schon ein langsamer Lidschlagreflex an. Ein erster Lichtreflex (Blinzeln) entwickelt sich nach ca. 6 spätestens nach 13 Tagen und entwickelt sich mit etwa 21 Tagen wieder zurück, vermutlich, weil die Kätzchen in diesem Alter, die vollständige Kontrolle über die Pupillenbewegung erlangen. Erste Reaktionen der Pupille auf Licht kann man bereits 24 h nach dem die Augen geöffnet wurden feststellen, die Reaktion ist noch verlangsamt und die Kätzchen drehen in der Regel den Kopf von der Lichtquelle weg.

Das Sehvermögen entwickelt sich unabhängig vom Öffnen der Augen. Etwa 11 Tage nach der Geburt kann man eine erste visuelle Reaktion auf Bewegungen durch die Verfolgung mit den Augen oder durch Kopfdrehen feststellen. Der Blickwinkel vergrößert sich innerhalb von 10 Wochen um das 16fache. Zwischen der 3. und der 4. Woche setzen die Kätzchen erstmals gezielt die Vorderpfoten ein um auf einen visuellen Reiz zu reagieren. Nun sind sie erstmals in der Lage über visuelle Eindrücke die Mutter zu orten und sich ihr zu nähern.

Mit fortschreitender Reifung des Auges und der neuronalen Verschaltungen, nimmt die Bedeutung visueller Reize für das Kätzchen zu und sie benutzen ihren Sehsinn zunehmend gezielt für die Erkundung und Exploration. Etwa zwischen der 6 und 7 Woche ist auch das räumliche Sehen (Binokulare) vollständig abgeschlossen.

Die Augenfarbe wechselt etwa nach drei Wochen; auch dieser Prozess kann durch ein frühes Handling der Kätzchen beschleunigt werden.

Für die Ausbildung des räumlichen Sehens ist die Rückmeldung aus der Muskulatur erforderlich, da sich sonst in der Sehrinde keine entsprechenden Strukturen bilden. Die Reifung des Gehirns und der Netzhaut ist abhängig von Umwelterfahrungen. Die 3. Dimension muss motorisch erlebt werden, um im späteren Leben auch visuell wahrgenommen zu werden.

Daher ist es unwahrscheinlich wichtig jungen Katzenwelpen eine anregende und gut strukturierte Umgebung zu präsentieren, in der sie klettern, springen und dreidimensionale Dinge erkunden können.

Konnte eine solche Verknüpfung für das räumliche Sehen nicht entwickelt werden, kann sich die Katze in unbekanntem Gebiet nur unsicher bewegen, bis sie die 3. Dimension ihrer Umgebung über ihr räumliches Gedächtnis (durch Exploration) hergestellt hat.

Innerhalb von 3-10 Wochen verzehnfacht sich die Sehschärfe, so dass sie zwischen dem 2.und 3. Monat vollständig entwickelt ist.

Die Entwicklung des Sehsinns unterscheidet sich zwischen Wohnungskatzen und Freigängern. Während die Wohnungskatze in der Regel nur von Wand zu Wand sehen kann (also wenige Meter), überblicken Freigänger größere Distanzen. Dies führt bei Wohnungskatzen zu einer gewissen Kurzsichtigkeit und bei Freigängern zu einer Unschärfe bei kleinen Distanzen. Die Elastizität im Auge und die Bildbearbeitungssysteme unterscheiden sich von einander.

 

1.2.4.1       Sensorische Deprivation

Sensorische Deprivation gilt als anerkannte Foltermethode

Abwechslungsreiche sensorische Eindrücke beschleunigen die sensorische und neuronale postnatale Entwicklung generell.

Eine Beschränkung der postnatalen Sinneserfahrungen (Sensomotorische Deprivation) kann je nach Dauer der Beschränkung zu  irreversiblen Entwicklungsstörungen führen.

Dauert der Erfahrungsentzug innerhalb der Entwicklungsphase des Sehsinnes länger als 3 Monate

so ergeben sich strukturelle Veränderungen im Zentralen Nervensystems, die nicht mehr aufgeholt werden können.

Dauerte die visuelle Deprivation weniger als drei Monate waren die vorhandenen Entwicklungsstörungen des visuellen Systems rückbildungsfähig (neuronale Plastizität).

Man kann jedoch feststellen, dass die sensible Phase, sozusagen die Inbetriebnahme des jeweiligen Sinnes oder der jeweiligen Fähigkeit (z.B. Lokomotion) eine ausgesprochen wichtige Zeit für die strukturelle Entwicklung und Verschaltung im ZNS darstellt.

Eine sensorische Deprivation hemmt also die Entwicklung neuronale Verarbeitung, Erfahrungen führen zu einer Verschaltung von Neuronen, wiederholte Erfahrungen verstärken / stimulieren die Verschaltungen. Durch einen Reizentzug wird die Plastizität des Wahrnehmungssystems gestört. Alle Reize die das Wahrnehmungssystem aufnimmt verändern es auch gleichzeitig. Die Verschaltungen der Neuronen werden differenziert und verstärkt.

Die Neurobiologen Blakemore & Cooper[3] ließen Katzenkinder in einer vertikal gestreiften Umgebung aufwachsen. Die Katzen zeigten gegenüber einer horizontal gestreiften Umgebung keine Aufmerksamkeit und gravierende Orientierungsschwierigkeiten und Gleichgewichtsstörungen. Die Untersuchungen an den Katzenkindern zeigten, dass sie keine Neuronen entwickelt hatten / entwickeln konnten, die eine neuronale Verarbeitung horizontaler Bewegungen im visuellen Cortex hätten anstoßen können.

1.3           Postnatale Entwicklung des Sozialverhaltens

In den ersten 20 Tagen ist der Katzenwelpe vollständig unselbstständig und die mütterliche Fürsorge ist ausschlaggebend für das Überleben.

Die Verschaltungen der  Nervenfasern wachsen in der Nachgeburtsphase von vorne nach hinten aus. Das bedeutet, dass sich die Vorderpfoten der Kätzchen schneller motorisch entwickeln als die Hinterpfoten. Dies bedingt das Kreiskriechen in den ersten Tagen nach der Geburt und erlaubt den Kitten bereits eine Stimulation der Zitzen. Nach und nach können sich die Kätzchen aufrichten, der Bauch kommt vom Boden weg und die Katzenkinder beginnen zu laufen. Für die nachgeburtliche Ausbildung und Verschaltung der Nervenfasern in der ersten Lebenswoche sind hochwertige ungesättigte Fettsäuren erforderlich.

Zwischen dem 20. Und 30. Tag sind Mutter und Jungtiere gleichermaßen an der Aufrechterhaltung ihrer Beziehung beteiligt. Der Welpe nimmt Kontakt zur Mutter auf um zu säugen. Die Mutter fordert die Jungtiere auf sich ihr anzuschließen und bringt Beute zum Nest.

In dieser Zeit entwickeln viele Kitten eine echte Futtergewöhnung, die sich auf Geschmack[4], Geruch, Textur und Temperatur bezieht. Bei der Futtergewöhnung handelt es sich zum einen Teil um einen echten Prägungsvorgang zum anderen Teil aber auch um Nachahmungslernen. Die Mutter sitzt am Futternapf und macht die Jungtiere auf das Futter durch die eigene Nahrungsaufnahme aufmerksam (soziale Markierung). Bringt sie Beute ans Nest, schafft sie nicht nur die Möglichkeit Beute zu machen, sondern sie unterstützt die Jungtiere aktiv, in dem sie lebende Beute nicht entkommen lässt, die Jungtiere auffordert und deren Bemühungen mit Sozialkontakt belohnt (Oxytocinausschüttung) . Durch diese Mechanismen (Teaching) bilden sich Futtertraditionen aus.

Ab dem 30. Tag verändert sich die Beziehung und die Mutter beginnt die Welpen zu entwöhnen. Die Kontaktaufnahme geht nun immer mehr nur noch vom Jungtier aus. Die Mutter zieht sich öfter auf hochgelegen Posten zurück, die die Kinder nicht erreichen können oder verhindert durch die Körperhaltung den Zugang zu den Zitzen. Diese Periode erhöht die Frustrationstoleranz der Jungtiere und ist entscheidend für ihr späteres Verhalten.

Zwischen der 1-8 Woche gibt es kaum Unterschiede in der Entwicklung zwischen den Geschlechtern der Katzenkinder. Selbstverständlich gibt es hier jedoch bereits individuelle Unterschiede. Erst ab dem 3. Lebensmonat verändert sich das Spielverhalten langsam abhängig vom Geschlecht der Welpen. Mädchen spielen insgesamt weniger. Bei Mädchen überwiegt das Objektspiel deutlich das Sozialspiel.

Die Entwicklung kann insgesamt durch die Wurfzusammensetzung überlagert werden. Bei einem Mädchen mit vier Brüdern wird sich kaum ein Unterschied im Spielverhalten feststellen lassen.

Die Wurfgröße beeinflusst auch die nachgeburtliche Entwicklung, da in kleineren Würfen die Variabilität an geschwisterlichem Verhalten reduziert ist. Dies führt zu einer geringeren Flexibilität beim Spielen und somit beim sozialen Lernen. In kleineren Würfen kommt es so zu einem Sozialisationsdefizit, der am stärksten ausgeprägt ist bei nur zwei Welpen.

Besteht der Wurf aus nur einem Welpen greift die Mutter aktiv ein und stimuliert das Spielverhalten und befördert so das Sozialverhalten. Die erhöhte Investition der Mutterkatze in die soziale Entwicklung ihres Welpen, kann man als eine Art Notfallprogramm zur Entwicklung sozialer Kompetenz verstehen. Bei Würfen mit  mehr als 6 Welpen kommt es bereits während Tragzeit zu einem größeren Gewichtsverlust der Mutter. In der Regel kann die Mutter auch während der Stillzeit den eigenen Nährstoffbedarf nicht decken und die Jungen beginnen früher feste Nahrung zu sich zu nehmen.

Ab dem 4 Monat reduziert sich das Spielverhalten generell, bei Kätzinnen jedoch noch stärker. Bei Katern überwiegt das Sozialspiel, in Vorbereitung auf die Revierverteidigung und das Sexualverhalten. Weibliche Katzen spielen mehr mit Objekten, in Vorbereitung auf den Beutefang.

Das Spielverhalten verändert sich adaptiv, sprich es ist abhängig von Umgebungsbedingungen. Bei schlechter Versorgungslage dominiert das Objektspiel prinzipiell um das Beutefangverhalten zu schulen. Auch wird bei schlechterer Ausgangslage oder vorzeitiger Entwöhnung mehr gespielt, wodurch die Entwicklung motorischer und sozialer Fähigkeiten beschleunigt wird. Bieten sich den jungen Katzen keine oder wenige Möglichkeiten zum Objektspiel, so entwickelt sich das Beutefangverhalten langsamer und später. Generell beschleunigt spielerisches Verhalten die kognitive und motorische Entwicklung und schafft durch  Lernprozesse neue Problemlösungsstrategien und Flexibilität.  Neurobiologisch führt Spielen bei allen Säugetieren zur  Ausschüttung von Dopamin. Dopamin steht im engen Zusammenhang mit dem Belohnungszentrum und führt zu allerlei Glücksgefühlen, steigert die Motivation und wirkt euphorisierend. Durch das Dopamin werden Lernerfahrungen effektiver und erfolgreicher abgespeichert. Dadurch wird klar, spielen macht nicht nur glücklich, sondern auch in gewisser Weise klug.

1.3.1         Persönlichkeitstypen

Man geht davon aus, dass Persönlichkeitsfaktoren zu ca. 20-30% genetisch fixiert sind und 70-80% tatsächlich durch Umwelteinflüsse bedingt werden.

Die Gene des Vaters haben erwiesenermaßen einen großen Einfluss auf die Grundpersönlichkeit der Katzenkinder. Auch auf das Explorationsverhalten im Allgemeinen und die Aufgeschlossenheit und das Nähebedürfnis gegenüber Menschen im Besonderen. Die genetische Ausstattung eines misstrauischen und argwöhnischen Vaters überlagert in der Regel genetische fixierte soziopositive Dispositionen der Mutter.

Zu den wichtigsten Umwelteinflüssen, die die Persönlichkeitstruktur beeinflussen zählen: der physiologische Ernährungszustand der Mutter und der Welpen (bereits während der Tragzeit), die Erfahrungen / Verhalten der Mutter und die Erfahrungen der Welpen innerhalb der ersten Lebenswochen bzw. monaten.

 

Fünf-Faktoren-Modell (Big Five)[5]

Charakteristika positiv negativ Einflussfaktoren
Extraversion neugierig, unternehmungslustig, gesellig, Außenorientierung, explorativ zurückhaltend, zurückgezogen, scheu Genetik (Vater spielt eine große Rolle), Umweltbedingungen der ersten Lebensmonate
Freundlichkeit/Verträglichkeit gutmütig, , freundlich, kooperativ, gesellig grantig, missgünstig, starrköpfig, feindselig Genetik (Vater spielt eine große Rolle), Einflüsse in den ersten Lebensmonaten. Erfahrungen der Mutter
Gewissenhaftigkeit hohe Ausdauer,hohe Konzentrationsfähigkeit, beharrlich unkonzentriert, ungenau, sprunghaft es liegen keine systematischen Studien zu diesem Punkt vor
Neurotizismus nervös, ängstlich, erregbar, wehleidig ausgeglichen, entspannt, gelassen, emotional stabil Ernährungsstatus von Mutter und Welpen
Trainierbarkeit (Offenheit) Lernfähig, phantasievoll, kreative Lösungen von Problemen Lernunbegabt,  phantasielos Es liegen keine systematischen Studien zu diesem Punkt vor

 

Die Entwicklung von sozialer Verträglichkeit mit anderen Katzen wird einer sensiblen Phase zwischen der 1. und 3. Woche zugeordnet. Es handelt sich um einen prägungsähnlichen Vorgang, der die Anwesenheit anderer Katzen, neben der Mutter  erforderlich macht.

In verwilderten Hauskatzenkolonien und bei einigen Kleinkatzenarten findet man hauptsächlich Matrilinien[6], sehr selten beteiligt sich auch der Kater bei der Aufzucht, aber in der Regel bekommen Kitten zunächst nur ihre Mütter, Tanten und Geschwister zu Gesicht. Solche Katzen sind erfahrungsgemäß in ihrem späteren Leben hochgradig sozialverträglich im Umgang mit Artgenossen.

Das Anschlussbedürfnis an den Menschen ist am stärksten zwischen der 2. und 8. Woche beeinflussbar. Auch hier spricht man von einer sensiblen Phase und prägungsähnlichen Vorgängen, die nicht nur auf den Menschen beschränkt sind, sondern auch andere artfremde Tiere umfasst. Studien haben gezeigt, dass man die Geselligkeit mit Menschen am besten befördert, wenn die Katzenkinder täglich von  unterschiedlichen Menschen (Frauen/Männern/Kindern) mindestens 5-10 Minuten manipuliert werden (streicheln, hochheben, Bauch reiben, spielen, sprechen …). Derartig „gehandelte“ Katzenkinder werden später psychisch stabiler, stressresistenter, offener, erkundungsfreudiger, außenorientierter, lernbegabter. Eine scheue oder aggressive Mutter ist in dieser Phase ein großes Handicap, da sich die Kitten stark an der Mutter orientieren und sich ihre Angst einfach überträgt.

Zwischen dem 4. Und 6. Monat gibt es eine weitere sensible Phase, die in gewisser Weise als „Fixierbad“ für die bereits gemachten Erfahrungen dient und in der auch nicht gemachte Erfahrungen, bis zu einem gewissen Grad, nachgeholt werden können.

Bei mangelnder oder ungenügender Sozialisierung auf Katzen, Menschen oder andere Tiere genügen unter Umständen 1-2 negative Erfahrungen, um eine positive Beziehung langfristig zu verunmöglichen.

 

Literatur:

Patrick Bateson “Behavioural Development in the Cat” (Normal Development/Process of Development/The Social Enviroment/Stages and Continuities/Alternatives Lives/Conclusion) www.fathom.com/course/21701782/session1.html

Bonnie V. Beaver “Feline Behavior – A guide for Veterinarians”

Dennis Turner / Patrick Bateson „Die domestizierte Katze“

Irene Rochlitz „The Welfare of Cats“

 

 



[1] Der Locus Coeruleus, auch „blauer Kern“ genannt, besteht aus wenigen Tausend Nervenzellen. Er funktioniert wie eine Art Wachmacher, da er die generelle Aufmerksamkeit mit dem Botenstoff Noradrenalin erhöht. Die Nervenfasern des blauen Kerns sind mit fast allen Bereichen der Großhirnrinde, der Amygdala und dem Thalamus (Teil des Zwischenhirns, der unter anderem die Sinneswahrnehmung schärft) verbunden. Zudem aktiviert der blaue Kern das sogenannte sympathische Nervensystem, das dafür verantwortlich ist, dass man bei Nervosität schwitzt, Herzklopfen bekommt und schneller atmet.
Die Amygdala, das zweite Entstehungszentrum von Nervosität, wird vom blauen Kern aktiviert. Zusammen mit diesem wirft die Amygdala die Stressachse im Gehirn an, die unter anderem im Körper Stresshormone (wie z. B. Adrenalin) ausschüttet. http://www.focus.de/schule/familie/erziehung/psychologie/tid-8380/nervoese-kinder_aid_230279.html

Das erste der neuromodulatorischen Systeme ist das noradrenerge, d.h. durch Noradrenalin charakterisierte System. Es hat seinen Ausgangsort im Locus coeruleus („blauer Kern“) der lateralen retikulären Formation und sendet über weitreichende Fasern Noradrenalin in alle Teile des limbischen Systems und des assoziativen Cortex. Es vermittelt Erregung und unspezifische Aufmerksamkeit und stellt eine Komponente des Stress-Systems dar. Das zweite ist das serotonerge, d.h. durch Serotonin gekennzeichnete System. Es geht von dem an der Mittellinie („Raphe“) des Hirnstamms gelegenen Raphe-Kern aus und übt auf limbisches System und Cortex einen dämpfenden, beruhigenden und Wohlbefinden auslösenden Effekt aus. Das dritte ist das dopaminerge System, das vom ventralen tegmentalen Areal im Mittelhirn und dem Nucleus accumbens im Endhirn ausgeht. Es schickt über seine Fasern Dopamin vornehmlich in den präfrontalen und orbitofrontalen Cortex (ein weiterer, für die Bewegungssteuerung wichtiger Teil besteht im dopaminergen Projektionssystem zwischen Substantia nigra und Striatum). Es wirkt antreibend und belohnend bzw. belohnungs-versprechend (s. oben zum mesolimbischen System). Das vierte ist das cholinerge System, das im basalen Vorderhirn lokalisiert ist und Acetylcholin in den Hippocampus, die Amygdala und den assoziativen Cortex aussendet. Es vermittelt gezielte („fokussierte“) Aufmerksamkeit und übt damit einen wichtigen Einfluss auf das Gedächtnis aus. http://home.arcor.de/eberhard.liss/hirnforschung/roth-gehirn+seele.htm

 

[2] Vermeidungslernen: Indem man unangenehmen Situationen aus dem Weg geht, lernt man nicht mit ihnen um zugehen. Für unsichere (kleine) Katzen ist jede neue Situation, eine unangenehme Situation. In dem der Konfrontation mit etwas Neuem aus dem Weg gegangen wird, werden neue Erfahrungen, ggf. auch positive, vermieden. Die Strategie des Vermeidens verstärkt sich von selbst, da man dem unangenehmen Stimulus erfolgreich  aus dem Weg gegangen ist und die erwartete unangenehme Wirkung des Stimulus nicht erfahren hat.

[3] Studie unter www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1307838/

Zusammefassung unter www.gerardkeegan.proboards.com/index.cgi?board=general&action=display&thread=62

[4] Katzen können salzig, sauer, bitter und umami schmecken. Bislang konnte nicht bewiesen werden, dass sie Rezeptoren für süß besitzen.

[6] Weibliche Verwandtschaftsverbände von Müttern mit Töchtern, die u. U. auch gemeinschaftlich Nachwuchs aufziehen  http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/kalz-beate-2001-02-28/HTML/chapter3.html