Vergesellschaftung

Warum mehr als eine Katze? Katzen sind doch Einzelgänger!

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Falsch! Katzen haben ein reiches Sozialverhalten und Katzengesellschaft bereichert das Leben nicht nur von Wohnungskatzen. Sie freuen sich, wenn sie ihren Kumpel treffen, spielen ein Leben lang mit ihren kätzischen Sozialpartnern und trauern, wenn ein Gefährte nicht mehr wieder kommt. Das zeigt deutlich, dass Katzen ein Bindungsbedürfnis haben, dass wir nicht frustrieren sollten.

Katzen gehen sehr vielfältige soziale Bindungen zu ihren Artgenossen ein und entwickeln unter den richtigen Voraussetzungen sehr individuelle und differenzierte soziale Strukturen.

Die flexible soziale Organisation reicht von hierarchisch organisierten Bruderschaften potenter Kater und nächtliche Zusammenkünfte, die einem Kneipenbesuch ähneln, über enge Lebensgemeinschaften und monogame Bindungen zu freundschaftlich organisierten Familienverbänden (Kolonien) mit gemeinsamer Jungenaufzucht und Ammenschaft (reziproker Altruismus) zu festen individuellen Beziehungen an Futterstellen oder in Mehrkatzenhaushalten.

Die soziale Kompetenz von Katzen hängt von ihren Früherfahrungen in den sensiblen Phasen ab, die jede Katze mit den nötigen Fertigkeiten zur Gestaltung von Sozialbeziehungen, sei es nun zu Artgenossen oder Menschen ausrüsten.

Fehlende positive Erfahrungen mit unterschiedlichen Artgenossen (Mutter, Geschwister, Tanten und Onkels) in diesen Lebensabschnitten, stören die Entwicklung eines normalen Sozialverhaltens. Handaufzuchten oder Einzelkatzenkinder sind in ihren sozialen Fähigkeiten (Ausdrucksverhalten, motorische Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz) oft eingeschränkt und eignen sich häufig nicht als Zweitkatze.
Entwicklung des Sozialverhaltens

Zwischen dem 6 Tag und der 12 Woche ist eine besonders wichtige sensible Phase für die Entwicklung des Sozialverhaltens. Alle Lebewesen mit denen Katzen während dieses Zeitraums gute Erfahrungen machen, gehören auch zukünftig zu den guten Dingen im Leben der Katze. In dieser Zeit kann man seiner Katze sogar verkaufen, dass eine Ratte ein netter Sozialpartner und keine Beute ist.

Zwischen dem fünften und 12, bei großen Rassen bis zum 18 Monat, folgt eine zweite sensible Phase, in der die Katze diese Erfahrungen überprüft und verifiziert. Dieser Zeitabschnitt dient als Fixierbad für soziopositive Beziehungen, daher ist die Abgabe eines einzelnen Katzenkindes im Alter von drei Monaten in einen katzenfreien Haushalt eine kleine Tragödie. Die im Familienverbund mit Katzenmutter und Geschwistern erlernten sozialen Skills verblassen und die heranwachsende Katze verlernt kätzisch. Sie verliert, isoliert gehalten, ihre soziale Kompetenz und das Geschick sich in Gesellschaft von Artgenossen zu bewegen in wenigen Jahren. Das oft an dieser Stelle ins Feld geführte Argument, die Katze könne sich ja im Freigang sozialen Bedürfnissen hingeben, dient lediglich der Selbstberuhigung der Halter. Territoriale Tiere, wie Katzen, betrachten in der Regel, Artgenossen, die nicht zum Familienverbund gehören als Rivalen oder Feinde.

Wer eine einzelne Katze will, sollte sich eine ältere Katze anschaffen, die durch fehlende Erfahrungen keinen Wert auf einen Artgenossen legt.

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Wie organisieren Katzen ihre sozialen Beziehungen? – Innerartliche Organisation und Sozialverhalten

Nun wie schaffen es die Katzen solch unterschiedliche soziale Strukturen erfolgreich zu gestalten?

In Rudel jagende Caniden bilden eine transparentere mehr oder weniger eindeutigere Dominanzstruktur, in der der Ressourcenzugang zwar auch situativ entschieden wird, aber ein starkes Ausdrucksvielfalt von Dominanz- und Unterwerfungsgesten viele Auseinandersetzungen erspart und Raum für Kooperation schafft.

Der soziale Frieden und die Kohäsion in Katzengruppen beruht, im Gegensatz zu Hunden, auf dem Prinzip der Konfliktvermeidung[1].

Ausgeklügelte Raumnutzungspläne und ein unglaublich facettenreiches körpersprachliches Signalsystem reduzieren Auseinandersetzungen.

Der Rang unserer Hauskatzen ist abhängig von Ort und Zeit des Aufeinandertreffens und der strittigen Ressource, auch „relative soziale Hierarchie“ genannt.

 

Relative soziale Hierarchie

Die soziale Ordnung oder Rangfolge von Katzen regelt in erster Linie den Zugang zu Ressourcen (Futter, Spielzeug, Wasser, Rückzugsorte, Liegeplätze, Fortpflanzungspartner, Katzentoiletten, Menschen) und ist abhängig von:

  • der Örtlichkeit: Katzen gewinnen an Souveränität je näher sie ihrem Kern-Territorium sind, je weiter sie sich von ihm entfernen, umso mehr verlieren sie an Rang
  • der Tageszeit: Katzen bilden abhängig von der Tageszeit Nutzungsrechte bestimmter Ressourcen z. B. hinsichtlich Wegrechten, Liegeflächen oder Rückzugsorte in ihrem Revier
  • der Ressource: hat die Katze vorrangig Zugang zu z. B. einem bestimmten Menschen, so muss sie nicht zwangsweise auch Vorrang bei Futter oder besonderen Plätzen oder Spielsachen haben
  • der Motivation einer Katze eine bestimmte Ressource zu sichern. Die soziale Toleranz von Katzen gegenüber Artgenossen ist weitestgehend von der Ressourcen Verfügbarkeit abhängig.

Absolute Hierarchien bilden Katzen, vor allem Katergruppen, nur in Extremsituationen, z. B. in nicht verwandten, stark wechselnden Gruppen im Tierheim.

Auf Grund ihres andersgelagerten Konfliktverhaltens, haben Katzen evolutiv auch keine Unterwerfungsgesten und nur wenige schwache Beschwichtigungssignale entwickelt, so dass Konflikte und Aggressionen nicht zur Bildung einer linearen Hierarchie führen, sondern den Zusammenhalt der Gruppe schwächen und die individuelle Beziehung zwischen den Katzen belasten.

Aggression dient bei Katzen weniger dem Ziel eine Rangordnung herzustellen, als der Sicherung von Ressourcen und der Herstellung sozialer Distanz.

In Katzengruppen mit gut sozialisierten Tieren, besteht die ranghöhere Katze nicht immer auf ihr Vorrecht.

Soziale Tiere nehmen insbesondere Rücksicht auf die persönlichen Rückzugsorte eines Artgenossen und reklamieren diese nicht für sich selber. Es überwiegen soziopositive Kontakte.

Soziopositive Signale

  • Blinzeln erlaubt der anderen Katze freundliche Annäherung.
  • Nasenbegrüßung und Analkontrolle wird von befreundeten und vertrauten Katzen gezeigt
  • Der Schwanzgruß (der Schwanz wird in einer fließenden Bewegung bogenförmig aufgerichtet und ein oder zweimal nach vorne gewippt) wird bei einer freundlichen Annäherung gezeigt, meist wenn man längere Zeit außerhalb des Blickfeldes der anderen Katzen war.
  • Auf den Schwanzgruß folgt bei jungen und untergeordneten Katzen oft ein Parallellaufen und Schwanzauflegen. Dabei wird der Schwanz locker über den Rücken der Partnerkatze gelegt
  • Kontaktrufe, hohes Fiepen oder freundliches Gurren

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Weitere Voraussetzung für die Mehrkatzenhaltung

Neben dem Sozialverhalten spielt gerade bei der Mehrkatzenhaltung die Anzahl der Ressourcen und die Strukturierung des Lebensraums eine ausschlaggebende Rolle für eine friedliche Koexistenz

 

Die „fünf Dimensionen“[2] im Lebensraum der Katze und seine Strukturierung

Sabine Schroll hat die Strukturelemente im Lebensraum einer Katze die „fünf Dimensionen“ genannt.

Diese fünf Dimensionen,

  • die drei Dimensionen des Raums
  • die Dimension der Zeit
  • die Dimension der sozialen Beziehungen

stellen den Rahmen für die Ressourcenverteilung der Katzen dar.

Die 3. Dimension erschließt der Katze den Lebensraum neu. Catwalks Kratzbäume, Fensterbretter, Schränke und Regale erweitern nicht nur die zweidimensionale Fläche, die der Katze in der Wohnung zur Verfügung steht, sondern bilden sichere Festungen, erhöhte Aussichtpunkte und eine andere Sicht auf die Dinge, die sich nun unter der Katze in sicherer Entfernung abspielen. Je abwechslungsreicher die vorhandene Wohnfläche für eine Katze strukturiert und erschlossen wird, umso anregender und inspirierender ist das Wohnungsrevier der Katzen. Die 3. Dimension vergrößert den vorhandenen Raum und schafft im Mehrkatzenhaushalt Ausweichmöglichkeiten und Rückzugspunkte. Dies ist echte Lebensqualität!

Die Dimension der Zeit und der sozialen Beziehungen bilden den Rahmen für tägliche Rituale und Abläufe, die das Leben der Katzen strukturieren und ihnen Sicherheit geben. Änderungen dieses Rahmens führen zwangsläufig immer wieder zu starken Eruptionen im Katzenleben und belasten auch die Gruppenstruktur.

Es gilt daher: Je größer die Kontrolle der Katze über ihre eigenen Lebensumstände (physiologisch: Verfügbarkeit von Futter / sozial: Kontinuität der Sozialpartner Mensch/Artgenosse), desto flexibler und effektiver sind ihre Bewältigungsstrategie, mit den gegebenen Umständen zu arrangieren.

Gerade in Mehrkatzenhaushalten ist die Verfügbarkeit von Ressourcen ein integraler Faktor für die Gruppenstabilität.

 

Ressourcen

Katzen sind Ressourcenbesetzer. Aus diesem Grund ist es für ein harmonisches Miteinander der Katzen wichtig, dass alle wichtigen Dinge im Lebensraum der Katzen in ausreichender Menge angeboten werden. Eine ausreichende Menge ist immer die Anzahl der Katzen plus eins mehr (n+1). Allerdings zählt die Katze nicht wie wir. Stehen zwei Toiletten unmittelbar nebeneinander so handelt es sich für die Katze nur um eine Toilette. Auch die Verfügbarkeit einer Ressource spielt eine große Rolle, kann die Katze die Toilette nicht nutzen, weil ihre Mitkatze es spaßig findet, sie darin festzusetzen oder beim Rauskommen zu verprügeln, dann ist dies keine verfügbare Ressource. Gerade in größeren Katzengruppen ist es wichtig, dass sich die Katzen aus dem Weg gehen können und vollständig aus dem Sichtfeld der anderen Katzen verschwinden können, um richtig zu entspannen. Während man die Anzahl der Katzentoiletten und Liegeplätze noch relativ einfach erhöhen kann, ist die Anzahl der vorhandenen streichelnden Hände und der Zimmer meistens begrenzt und sollten die Gruppengröße limitieren

Zu Gruppengrößen gibt es zwei wichtige Kennzahlen:

  • In Katzengruppen von zehn und mehr Tieren ist mit nahezu 100%iger Wahrscheinlichkeit mindestens eine Katze darunter die Harnmarkieren zeigt.
  • In Gruppen von mehr als vier Katzen wird es für die einzelne Katze immer schwieriger individuelle Beziehungen zu den einzelnen Gruppenmitgliedern zu bilden und aufrecht zu erhalten.

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Gründe für die Anschaffung einer Zweitkatze

Häufig ist der Grund eine Zweitkatze anzuschaffen eine Veränderung in unserem Leben, unter der die Katze leidet. Längere Arbeitszeiten, ein neues Hobby, ein neuer Partner, verknappen die Zeit, die wir unserer Katze widmen und da liegt die Idee nahe, unserer Katze kätzische Gesellschaft zu verschaffen.

Auch wenn der Mensch einfach noch eine Katze will, weil eine Katze schon toll ist und zwei noch toller, oder weil man noch Platz hat oder weil einem die Katzen im Tierheim so leidtun. Bei dem Entschluss zur Zweitkatze sollte immer die Frage im Mittelpunkt stehen, ob man der vorhandenen Katze einen Gefallen tut, wenn man ihr einen Artgenossen beiordnet.

War die eigene Katze schon viele Jahre alleine, sollte man andere Wege finden, die Katze zu beschäftigen, denn die Chance ist gering, dass sie einen Artgenossen als Bereicherung ihres Lebens empfindet. Neben geschütztem Freigang, einem aufregenden Fensterplatz mit Blick auf eine Futterhäuschen für Vögel, Katzenfernsehen (Aquarium), regelmäßigen Spielzeiten, Futterverstecken, ist den Eigenbrötlern unter den Katzen eher mit einem artfremden Lebensgefährten gedient, wie zwei großen Kaninchen oder einem Hund, als einer weiteren Katze.

Auch bei sehr alten Katzen oder chronisch kranken Katzen sollte man sehr genau abwägen, ob man ihnen den Stress, den der Einzug eines neuen Artgenossen verursacht, zumuten kann.

 

Sonderfall: Tod der Partnerkatze

Oft verläuft eine Vergesellschaftung auch schlecht, wenn die Halter nach dem Verlust einer langjährigen Partners der verbliebenen Katze zu schnell einen neuen Artgenossen präsentieren. Nach dem Tod der Partnerkatze sollte man sich und seiner Katze eine entsprechende Trauerzeit gewähren. In dieser Zeit sollte man das Verhalten der verbliebenen Katze beobachten, und überlegen, ob eintretende Verhaltensänderungen tatsächlich ein Zeichen von Trauer sind. Wir neigen dazu unsere Gefühle auf unsere Katzen zu projizieren und deuten Verhaltensänderungen gleich welcher Art, dann vorschnell als Trauer. Eine Katze, die sich uns enger anschließt, mehr Kontakt sucht und insgesamt anhänglicher wirkt, muss nicht trauern, sie kann einfach auf die von uns ausgehende vermehrte Aufmerksamkeit eingehen oder nun ohne Konkurrenten ihre Beziehung zu uns neu gestalten. Liegt ein echter Fall von Trauer vor, zieht sich die Katze meist zurück, frisst schlechter, reduziert den Sozialkontakt mit ihren Menschen, spielt weniger, ihr scheint nichts richtig Freude zu machen. Eine neue Katze kann hier in den seltensten Fällen helfen. Trauer ist etwas sehr persönliches und hängt mit einer individuellen Bindung zusammen, für einen neuen Artgenossen ist zu diesem Zeitpunkt oft kein Platz.

 

Wer passt zusammen? Die Wahl der geeigneten Partnerkatze

Die Wahl einer Partnerkatze ist eine diffizile Aufgabe und abhängig von vielen individuellen Faktoren:

Früherfahrungen der Katzen, Sozialisation und Erfahrungen mit Artgenossen, individuelle Wesenszüge, Temperament, Selbstbewusstsein und Vorlieben, Spielverhalten, Beziehung zum Sozialpartner Mensch, Alter, Geschlecht. Selbst Äußerlichkeiten, wie Felllänge und Färbung, können eine Rolle spielen.

Selbst die vorgeburtliche Lage des Katzenembryos und die Versorgungssituation der Mutter während der Tragzeit spielt eine Rolle bei der Entwicklung des Sozialverhaltens und damit bei der Wahl des geeigneten Artgenossen.

Eine Faustregel ist, dass sich die Katzen entsprechen sollten.

Vergesellschaftungen von jungen Katzen mit gutem Sozialverhalten und guten Katzenerfahrungen, gleichen Interessen, gleichem Aktivitätsniveau, gleichen Geschlechts und gleichem Alters, sind die erfolgreichsten Paarungen.

Eine betagte Katzendame mit einem jungen Kater oder eine jahrelang einzeln gehaltene Katze/Kater mit einer weiteren Einzelkatze bringen schlechte Voraussetzungen für ein harmonisches Miteinander mit sich. Genauso sollte man einer sehr menschenbezogen Katze keine Konkurrentin ins Haus holen, die sofort bei Frauchen auf den Schoss will. Schlecht geht es meist auch aus, wenn man einem übergriffigen Raufbold ein zartes schüchternes Katzenmädchen zur Seite stellt.

Keine Regel ohne Ausnahme:

Individuelle Erfahrungen müssen immer mitberücksichtigt werden! Hat ein Kater viele Jahre mit einer Katzendame verbracht und verlief diese Beziehung harmonisch, so ist es vermutlich einfacher ihm wieder eine freundliche Dame zur Seite zu stellen, als einen anderen Kater. Oft ist die Kombination älterer Kater und freundliche junge Dame, vorausgesetzt beide mögen Artgenossen, eine erfolgversprechende Kombination, da viele Kater gewisse Zickerein von Katzendamen gelassen an sich abgleiten lassen, während sie auf Schroffheiten eines männlichen Gefährten schneller in Rage geraten.

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Zusammenführung

Die Mär vom „Zusammenraufen“ oder wie man es nicht machen sollte!

„Lassen Sie die Katze einfach raus, die raufen sich schon zusammen.“ oder „Die klären das untereinander, halten Sie sich einfach raus.“ wird neuen Zweitkatzen-Besitzern leider heute immer noch oft geraten.

In der Tat geht eine solch rabiate Zusammenführung überraschend oft gut aus, geht es aber beim ersten Kontakt schief, ist die Vergesellschaftung meist nicht mehr zu retten.

Läßt man den Neuzugang einfach im Wohnzimmer aus dem Korb, verziehen sich beide im besten Fall in einen entlegene Winkel ihres Reviers, im schlechtesten Fall kommt es zu einer handfesten Prügelei mit anschließender kopfloser Flucht und gefährlichen Unfällen. Mündet solch ein unüberlegtes Vorgehen in einer heftigen Auseinandersetzung, sinkt die Chance auf eine friedliche und harmonische Koexistenz dramatisch.[3] Den ersten Eindruck hinterlässt man schließlich nur einmal.

Auch die Empfehlung berufener Seite, die Katzen eine Rangordnung aus kämpfen zu lassen, meist über mehrere Tage und Wochen, ist ein schlechter Rat. Wie oben erläutert bilden Katzen solche Rangordnungen nicht aus und nach einigen Tagen der andauernden Auseinandersetzungen ist, selbst wenn es nicht zu schweren Verletzungen kommt, keine Chance mehr für eine Befriedung der Situation gegeben. Die Strategie der Katzen ist die Konfliktvermeidung, also sollte man ihnen auch die Chance dazu geben.

Der Schaden, den man zwischen den Katzen anrichten kann, wiegt schwer. Die Entscheidung für eine Zweit- oder Drittkatze ist eine Entscheidung unter Umständen für viele Jahre, so dass ein behutsamere Zusammenführung sicherlich einige Tage oder Wochen Zeit wert sind, vor allem wenn man sich klar macht, was auf dem Spiel steht. Eine Katze zurückgeben zu müssen, ist schon nach wenigen Tagen eine niederdrückende Erfahrung.

Statt auf sich auf selbsternannte zweibeinige Katzenprofis zu verlassen, sollte man sich lieber Rat bei den Betroffenen holen. Einsicht in den Ablauf der felinen Gruppenbildung gewinnt man durch die Beobachtung freilebender Katzengruppen (Katzen-Kolonien). Ethologen haben festgestellt, dass sich einzelne Katzen, die sich einer Katzen-Kolonie anschließen wollen, der Gruppe über mehrere Wochen langsam annähern. Sie bleiben in Sichtweite, ziehen sich sofort zurück, wenn sich ihnen ein Gruppenmitglied nähert, vermeiden Konflikte und Auseinandersetzungen, kommen aber schnell wieder zu Vorschein und bleiben präsent. Über mehrere Wochen geben sie der Gruppe die Möglichkeit sich an ihren Gegenwart und ihren Geruch zu gewöhnen und reduzieren dabei unmerklich den Abstand zum Zentrum des Reviers. Niemals würden sie einfach zu den Schlaf- oder Fressplätzen laufen oder direkt Kontakt aufnehmen. Sie nehmen sich Zeit und bedienen sich intuitiv des Prinzips der systematischen Desensibilisierung

 

Vorbereitung

Vor einer Begegnung, sollte der Neuzugang dem Tierarzt vorgestellt werden, um sicherzugehen, dass er keine Erkrankungen einschleppt.

Um der neuen Katze den Übergang so einfach wie möglich zu machen, sollte man ihr ein Zimmer katzengerecht einrichten, in dem sie den Stress und die Aufregung der Übersiedelung erst verdauen, Rückzugsorte und Fluchtmöglichkeiten erforschen und sich mit den vorhandenen Gerüchen auseinandersetzen kann. Diese Maßnahme empfiehlt sich auch, wenn man sich nur eine Katze anschafft.

Die neue Katze sollte die Möglichkeit erhalten, ihr neues Zuhause Stück für Stück und Zimmer für Zimmer kennen zu lernen. Damit reduziert man die Gefahr, die Katze zu überfordern, denn eine überforderte Katze reagiert oft mit Harnmarkieren auf neue überwältigende oder verunsichernde Eindrücke. Harnmarken dienen in diesem Kontext vor allem der Eigenberuhigung und Absicherung des neuen Geländes.

Auch die ansässige Katze sollte auf den Familienzuwachs vorbereitet werden. Die Tür zu dem Rückzugsort der neuen Katze, sollte schon einige Tage vor der Ankunft geschlossen werden. Sofern das möglich ist, sollte man schon ein Deckchen mit dem Geruch der neuen Katze präsentieren und beobachten, wie die eigene Katze reagiert, nimmt sie es gelassen, ist das ein gutes Zeichen!

Da Freigang eine systematische Zusammenführung erschweren kann, sollte man sich überlegen, ob die eigene Katze vorübergehend auf den Freigang verzichten kann. Oft geht die ansässige Katze Begegnungen mit dem Neuzugang aus dem Weg, in dem sie sich überwiegend draußen aufhält.

Dieses Meideverhalten verlängert den Annäherungsprozess und kann in der Abwanderung der ansässigen Katze münden. Zwingt man nun eine Katze in eine Begegnung mit der neuen Katze, in dem man ihr den Zugang nach draußen verwehrt, wird zusätzlicher Stress erzeugt, der in direkter Verbindung mit dem Neuzugang steht. Reduziert man den Zugang zum Draußen aber schon führzeitig, kann eine solche Verknüpfung mit dem Neuzugang nicht erfolgen. Selbstverständlich muss man sich andere Beschäftigungen für die eigene Katze ausdenken, um den Verzicht auf den Freigang, auszugleichen. Studien haben auch belegt, dass Zugang nach draußen das Erregungslevel auf beiden Seiten erhöht. Vom Freigang werden fremde Gerüche mitgebracht, die die neue Katze zusätzlich irritieren können, und die ansässige Katze kommt oft in erhöhter Erregungslage nach Hause und findet dort einen beinah fremden Artgenossen vor. Das kann zu überschießenden Reaktionen führen.

Passen die beiden Katzen nach Alter, Geschlecht, Aktivitätslevel, Wesen und Hobbys gut zusammen, hat sich die neue Katze schnell in ihrem Rückzugsbereich eingelebt und ist aufgeschlossen, entspannt und neugierig und hat die ansässige Katze auf Geruchs Darbietungen und Geräusche hinter der Tür nicht verstimmt oder verunsichert reagiert, sondern neugierig, sind die Vorzeichen gut und man kann es wagen die beiden mit einander bekannt zu machen. Für den ersten direkten Kontakt sollte man sich eine Pappe oder ein Kissen parat legen, mit dem man bei Animositäten den Sichtkontakt beendet und eine der Katzen aus dem Zimmer manövrieren kan

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Zusammenführung

Ist man zuversichtlich, dass sich die beiden wohlgesonnen sind oder nur eine geringe Verstimmung beim Aufeinandertreffen auftreten wird, kann man die Tür einfach aufmachen. Integriert man eine neue Katze in eine ganze bestehende Gruppe, sucht man sich die Katze aus der Gruppe heraus, die am besten passt und in der Vergangenheit am freundlichsten auf Neuzugänge reagiert hat. Die Gruppen Mitglieder werden der neuen Katze dann in absteigender Komptabilität einzeln vorgestellt.

Während des ersten Kontaktes, ist es wichtig, dass man selber keine Unruhe und Anspannung in die Begegnung bringt. Lieblingsleckerlis dürfen in Richtung beider Katzen fliegen, freundliche oder neutrale Annährungen werden stimmlich belohnt. Bei den ersten Zusammentreffen sollten noch keine wilden Spiele initiiert werden, hieraus können sich Missverständnisse ergeben. Gemeinsames Fressen und Erkunden ist für den Anfang eine hervorragende Leistung.

Bleibt eine gewisse Verunsicherung, so ist es legitim, die Katzen weiterhin zu trennen, wenn man sie nicht beaufsichtigen kann. Die Zeiten in denen die Katzen Umschluss haben müssen langsam immer weiter ausgedehnt werden und freundliche und neutrale Begegnungen werden stets bestärkt.

Kommt es zu Anspannungen oder Unstimmigkeiten, müssen die Katzen vorüber gehend wieder getrennt werden. Fauchen und Pfotenhiebe sind ausdrücklich erlaubt und stellen bei den ersten Kontaktaufnahmen keine Eskalation dar. Diese gemäßigte Distanzierungsaggression entspricht dem Normalverhalten

Kommt es wiedererwarten zu einem Angriff, mit jaulen, schreien und beißen, sollten die Kontrahenten so ruhig und besonnen wie möglich getrennt werden.

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Systematische Vergesellschaftung an der Gittertür

Kam es bei der ersten Begegnung zu einem Angriff oder einer Auseinandersetzung, zeigte eine der beiden Katzen von Anfang an Abneigung, z. B. bei Geruchsdarbietungen, oder erscheint die Kombination der Katzen konfliktträchtig, sollte man noch langsamer an die Vergesellschaftung herangehen. Die Katzen bleiben zunächst räumlich getrennt, bis sich eine gewisse Entspannung bei beiden Parteien abzeichnet. Die Tür wird nicht mehr belauert, es wird nicht an der Tür randaliert oder gezeigtes Meideverhalten nimmt wieder ab. Nach einer Auseinandersetzung kann es zwischen einigen Stunden bis zu einigen Tage dauern, bis das Adrenalin und die Aufregung des Kampfes verraucht sind.

Während der Separierung müssen die Katzen die Lebensbereiche regelmäßig tauschen, damit keine Territorialität entsteht und damit sich die Gerüche der beiden Katzen vermischen bzw. im gesamten Wohngebiet erhalten bleiben. Die Geruchsvermischung kann man unterstützen, indem Lieblingsdecken oder Kuschelhöhlen ausgetauscht werden. Mit einem weiteren Trick vermischt man die Gesichts-Pheromone der Katzen. Mit einem fuselfreien Lappen streicht man sanft über die Wangen der beiden Katzen und reibt mit diesem Läppchen anschließend die andere Katze sanft ab.

Während sich die Situation ohne Sichtkontakt langsam wieder beruhig, sollte man sich eine Gitter- oder Netztür bauen, so dass die Katzen sich später sehen und riechen können, aber nicht Gefahr laufen drangsaliert oder attackiert zu werden.

Zunächst finden Begegnungen an der Gittertür nur im Beisein der Halter statt. Am besten ist es wenn auf jeder Seite der Gittertür ein Mensch sitzt, der sich mit der dort untergebrachten Katze beschäftigt. Die Katzen sollen in Gegenwart der anderen Katze ein gutes Gefühl bekommen, dass bedeutet, dass nun in Gegenwart der anderen Katze nur gute Dinge passieren. Es wird gespielt, gefüttert und geschmust.

Feliway-Geruchsmarken an der Gittertür können beruhigend wirken und das Stresslevel senken. Genauso hilft es oft, wenn sich die Katzen putzen, da dies der anderen Katze signalisiert, es ist alles in Ordnung und entspannt. Putzverhalten kann man hervorrufen, wenn man die Katzen mit einem feuchten Lappen massiert oder etwas Leckeres (Sahen/Thunfischsaft) auf die Katze tröpfelt. Wenn die Katzen schon Erfahrung mit Clickertraining haben, kann man mit dem Clicker zielgerichtet freundliche und neutrale Annäherungen einfangen und verstärken.

Bei Anspannungen wird der Sichtkontakt beendet und die Katzen ignoriert. Bei freundlichen oder neutralem Verhalten werden beide Katzen gelobt und belohnt.

Der Anblick der anderen Katze soll mit positiven Eindrucken und Erlebnissen verknüpft werden, so dass die unguten Gefühle (Angst, Eifersucht, Verunsicherung, Rivalität…) langsam in den Hintergrund treten (Gegenkonditionierung). Gleichzeitig setzt man bei dieser Form der Vergesellschaftung auf einen Gewöhnungsprozess (Desensibilisierung). Der unangenehm empfundene Reiz, der von dem Artgenossen ausgeht, verliert mit jeder einzelnen Begegnung, an der Gittertür, in der es nicht zu einem Angriff kommt, seinen Schrecken. Diese Lernprozesse bedürfen vieler hunderter Wiederholungen, um in der Katze ein neues Verhalten und einen neue positive emotionale Reaktion zu etablieren.

Haben sich die beiden Katzen nach einigen Wochen an die Anwesenheit der Konkurrentin/des Konkurrenten gewöhnt, verlaufen die Begegnungen an der Gittertür friedlich bis gelangweilt, ist es Zeit, direkten Kontakt herzustellen.

 

 

 

Literatur:

Sabine Schroll „Aller guten Katzen sind …“

Christine Hausschild „Katzenzusammenführung“

 

[1] “Social organization in the cat: a modern understanding“ by Sharon L. Crowell-Davis

“Agnostic Behaviour, dominance rank and copulatory success in a large multi-male feral cat, Felis catus L., colony in central Rome” Eugenia Natoli & Emaunuele de Vito

„Feline bahavior Guidelines“ by The american association of feline practitioners

„Feline social behaviour and aggression between cats and other family pets” Tony la Russa

[2] Sabine Schroll „Verhaltensmedizin bei der Katze

[3] “Intercat aggression – general considerations, prevention and treatment” A. Moesta, S. Crowell-Davis

“Intercat aggression in households following the introduction of a new cat” E. Levine, P. Perry, J. Scarlett, K.A. Houpt