Sunshine in schwerer Wetterlage

Sunshine ist eine wunderschöne 5 jährige Grautigerin. Sie wurde abgegeben, weil sie eifersüchtig auf den Familienzuwachs reagiert haben soll. Unklar ist, wie sie auf das Kind reagiert hat.
Sunshine teilt das traurige Schicksal vieler allein aufgewachsener Katzen, sie versteht Artgenossen nicht und sie jagen ihr große Angst ein. Veränderungen aller Art überfordern sie existentiell.
Sie wohnt nun in einem kleinen Schränkchen und vermeidet so jeden Kontakt mit den vermeintlich gefährlichen Artgenossen und den fremden Menschen.

 

 

 

 

 

 

 

Die Menschen verstehen nicht welche Verantwortung sie zwangsläufig übernehmen, wenn sie eine einzelne Katze zwingen ohne Artgenossen in einer Zwangsgemeinschaft ohne Freigang allein in menschlicher Gesellschaft zu leben.
Solch eine Katze wird über Jahre ihrer artspezifischen Kommunikation beraubt und in einer völlig anthropozentrisch emotionaler Abhängigkeit gehalten. Das Ergebnis sind völlig auf ihren Halter fixierte abhängige Wesen, die sich mit jeglicher Veränderunge schlecht arrangieren können und für die eine solch radikaler Umbruch, durch den Verlust des Zuhauses, zu einem totalen Zusammenbruch führt.
Sunshine kommt nicht einmal zum Essen aus ihrem kleinen Schränkchen raus, deswegen stellen die Pfleger  ihr Futter hinein.
Bei unserem ersten Treffen kauerte sie in der dunkelsten hintersten Ecke, die Pupillen stark geweitet, die Ohren zur Seite gefaltet. Sie atmete schnell und fauchte.
Ich schob das Tuch, dass als Sichtschutz vor der offenen Tür hing zurück und legte ihr etwas gekochtes Huhn in ihr Schränkchen. Dann beachtete ich sie nicht weiter. Die anderen Zimmerbewohner turnten auf mir rum und überschlugen sich vor Freude über menschliche Gesellschaft. Dies stellte eine weitere Bedrängung für Sunshine dar und ich versuchte die Rasselbande moderat abzuwehren. Nach etwa 20 Minuten sah ich aus den Augenwinkeln, dass Sunshine das Hühnchen beschnupperte. Ich lies es für heute genug sein und klappte den Sichtschutz wieder vor ihren Höhleneingang. Sunshine hatte einen wichtigen Schritt gemacht.

In der zweiten Sitzung verfuhr ich wie beim ersten Mal diesmal legte ich meine Hand neben das Hühnchen und ignorierte sie weiter. Ich saß seitlich von ihr und schaute  in eine andere Richtung. Nach kurzer Zeit sah ich, wie sie sich langsam dem Huhn näherte und es vorsichtig aufnahm, als ich meine Finger langsam bewegte, brummte sie unwillig, wich aber nicht zurück. Vorsichtig legte ich einige Stückchen Huhn nach und Sunshine fraß sie hastig, ich nutzte die Chance und strich ihr sanft über den Kopf, sie unterbrach das Essen nicht, aber sie quengelte unwillig zwischen den einzelnen Bissen. Dann blieb sie im Hintergrund des Schränkchens sitzen und verfolgte argwöhnisch die Spielereien ihrer Zimmergenossen. Näherte sich eine andere Katze zu schnell, zu direkt oder kam der Öffnung ihres Schränkchens insgesamt zu Nahe grummelte sie unwirsch drauf los. Es ist kein Knurren oder Fauchen, sondern ein modulierter Laut, der von einem sehr hohes Jaunern zu einem tiefen Grollen absinkt.

In der dritten Sitzung streichelte ich beim Fressen ihre Flanken, sie war nicht begeistert, aber sie attackierte mich auch nicht. Die unwilligen Töne begleiten unsere gemeinsamen Begegnungen und schwellen an und ab.

Gestern ließ sich Sunshine zum ersten Mal los und schmiegte sich in meine Hand.
Sie drehte sich auf den Rücken und gegen alle inneren Widerstände brach ihr solange unterdrückter Wunsch nach Zuwendung und Berührungen hervor. Der innere Konflikt zwischen Ablehnung, Verunsicherung und dem Wunsch nach Zuwendung  manifestierte sich in ihrem nicht abbrechenden Gejauner, auch als sie sich auf den Rücken warf und in Ermangelung anderer Alternativen Zuflucht in meiner Hand  fand.