„Sind die Katzen hier nach Farben sortiert?“ – Szenen aus dem Tierheim Teil 1

Ich bin ein höflicher, hilfsbereiter, aufgeschlossener und vertrauensvoller Mensch – eigentlich.

Und ich habe mich auch in meinen ersten Monaten im Tierheim gefragt, warum dort viele Menschen so verschlossen und griesgrämig aus der Wäsche gucken. Und wie das auf einen Menschen wirken muss, der durch unser Tor kommt, vielleicht vor Aufregung glüht, weil er jetzt heute entschlossen hat sich einen tierischen Gefährten ins Haus zu holen und einem Tier ein Obdach und Freundlichkeit zu schenken, das bislang vielleicht nicht viel Gutes erfahren hat. Der auch ein bisschen stolz sein darf, weil er im Begriff ist, etwas großes Gutes zu tun, weil er nicht zu einem Züchter und auch nicht im Kleinanzeigenmarkt auf Schnäppchensuche gegangen ist, sondern bewusst ins Tierheim zu den Tierschützern. Also alles in allem ein emotional bedeutungsvoller Moment.

Nun trifft dieser Mensch auf mich und ich stelle ihm mit kritischem Blick strenge Fragen.

Und innen in mir drin, forsche ich, ob dieser Mensch die leiseste Ahnung von den Bedürfnissen einer Katze hat und ob er wenigstens ansatzweise Respekt vor diesen Bedürfnissen hat. Fällt er in die Rubrik „cat-proofed“ oder sollte er sich lieber ein Aquarium anschaffen oder dem ortsansässigen Schützenverein beitreten?

Ich glaube zwar nicht, dass ich unfreundlich bin, aber ich strahle nach einer Weile Arbeit im Tierheim die Interessenten tatsächlich nicht mehr mit einem enthusiastischen und erwartungsfrohen Lächeln an. Ich forsche vielmehr kritisch nach dem Holzbein, dass von der vordergründigen Guttat sorgfältig versteckt wird. Ich hinterfrage skeptisch und argwöhnisch die Motivationslage der Interessenten, weise sie auf Widersprüche hin und vermute misstrauisch Unwahrheiten und Selbstgefälligkeiten, anstelle von Empathie und Großherzigkeit.

Ist er zu laut und zu übergriffig für Susi? Kann er auch einmal einen Tierarztaufenthalt bezahlen? Hat sie auch in zwei Jahren noch Interesse an Kira? Oder wenn das junge Ding da nun Kinder bekommt, landet Muschi dann, wie so viele andere, auch wieder hier? Wie geht er wohl damit um, wenn Carlos sich an seiner Ledercouch vergeht? Warum darf die Katze nicht ins Bett? Wie oft verreist er wohl und wie geht Oskar damit um, dass er dann immer hier in Pension geschickt wird, weil sein Interessent nicht versteht, dass Katzen besser zu Hause bleiben? Wenn Socke nicht ins Wohnzimmer und nicht ins Schlafzimmer darf, wie viel Platz hat Socke dann in der Dreizimmer Wohnung und wie viel Zeit verbringt der Mensch dann überhaupt mit ihm?

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Warum in Drei-Teufelsnamen will diese Person überhaupt eine Katze?

Die Beweggründe sich eine Katze anzuschaffen sind vielfältig und werden den Tieren meist nicht gerecht.

Auf meine häufig gestellte Frage bei der Vermittlung, warum man sich eine Katze anschaffen will, ernte ich oft nur Verblüffung, weil man sich das selber noch nicht gefragt hat, erscheint vielen die Frage absurd. Ich müsste doch eigentlich heilfroh sein, dass ich eine loswerden kann, erwidern manche leicht genervt. Und es ist oft nicht einfach, den Blick auf die substantiellen Bedürfnisse der Katze zu schärfen.

Eine Katze hat einen Anspruch auf soziale Kontakte mit Artgenossen und Menschen, auf ausreichend Platz, Bewegung und Beschäftigung. Sie hat ein Recht auf medizinische Versorgung, gute Ernährung und dies, wenn alles gut geht, für die nächsten 16- 20 Jahre.

Eine artgerechte Haltung bedeutet, dass der zukünftige Halter bereit ist Kompromisse einzugehen und Verzicht zu üben.

Kratzspuren auf dem Sofa, ein Netz auf dem Balkon, ein oder zwei Katzenklos in der Wohnung, hier und da ein zu Bruch gegangener Einrichtungsgegenstand, Haare überall, sind nicht vermeidbar. Die Katze lebt in unserer Gesellschaft und muss auch Spuren hinterlassen dürfen.

Wer darauf hofft, dass sich die neuen Hausbewohner immer geräuschlos benehmen und keine kollateral Schäden duldet, sollte zu Toys’r us oder ein Einrichtungshaus seiner Wahl gehen.

Daher prüfen Sie sich selber bevor Sie zur Tat schreiten:

Kann ich ertragen, dass mein Sofa und mein Lieblingspullover, eingehaart werden? Ertrage ich, die Kratzspuren auf meinem Ledersessel und Katzenstreu morgens unter den nackten Füssen? Möchte ich abends nach der Arbeit noch eine wilde Spielrunde mit meinem jungen Kater abhalten? Biete ich der Katze genug Platze und Unterhaltung? Habe ich genug Zeit für eine Katze?

Selbstverständlich bin ich besonders kritisch bei meinen Schützlingen, mit denen ich oft viele Monate gearbeitet habe, für die es ein Desaster wäre, wenn sie zurückkommen würden. Und sehr viele liebe Menschen erhalten von mir anstandslos das Sigel „Cat-Proofed“ und ich stehe ihnen auch nach der Vermittlung mit Rat und Tat zu Seite. Aber neben diesen hingebungsvollen und passionierten Katzenhaltern, gibt es eben auch die anderen, von denen ich jetzt erzählen möchte, damit einige von meinen Lesern vielleicht etwas mehr Verständnis für diejenigen aufbringen, die tagtäglich in der Tiervermittlung im Tierheim arbeiten.

Sternchen (4) Lia1 (1) Tom (15) HPH6 (2) Foto 2 Tamtam (12)

 

Julchen (4) Oskar (17) Pheobe (6) Sechser Pack (34) IMG_3694

 

Das Muttertier oder Jacob und sein Schwesterchen Ann-Sofie wünschen sich ein Kätzchen

Es ist Ende Juli, die Welpenzeit nähert sich ihrem Höhepunkt und die Sommerferien sind zu Ende, was bedeutet, dass die Vermittlung wieder anzieht. Alles in allem eine sehr turbulente Zeit.

Ich stehe im Katzenhaus und sortiere zwischen den Besucherströmen meine Utensilien als mich eine junge Frau anspricht. An jeder Hand hält sie ein sich leicht sträubendes ca. vierjähriges Kind, scheinbar Zwillinge. Sie suche ein kleines Kätzchen für ihre Kinder. Ich schlucke den Einwand herunter, dass Spielzeug für Kinder gemacht wird, aber keine Kätzchen. Stattdessen stelle ich höflich für sie fest, dass die Süssen ja noch zu klein wären um sich verantwortungsvoll um eine Katze zu kümmern und dass sie sicher selber die Versorgung übernehmen wolle. Sie schaut konsterniert, weil ich scheinbar von dem Gedanken nicht ganz so angetan bin wie sie, ihren Zwergen ein Kätzchen zu spendieren.

Die Kinder zerren an ihr und streiten sich. Sie scheint dies nicht (mehr) zu registrieren. Sie strahlt bei dem Wort Kätzchen und Kinder, als wären sie mit Uran angereichert.

Ich erkläre kurz, dass die jungen Kätzchen nur zu zweit abgegeben werden, was bereits das Lächeln dämpft. Die Kinder schreien und treten sich, aber sie macht keine Anstalten einzugreifen, also beuge ich mich mit ernster Miene zu ihnen herunter und fordere sie auf nicht zu kreischen, weil sie hier zu Besuch bei Katzen seien, denen das Schreien in den Ohren wehtäte, genauso wie mir. Dann sage ich zu der Frau, dass junge Kätzchen, für so kleine Kinder oft nicht die beste Wahl seien, da sie selbst auch noch keine Impulskontrolle hätten und es auf beiden Seiten zu Verletzungen kommen könnte. Außerdem hätten Katzenwelpen kaum eine Chance den beiden sehr aktiven Kindern zu entkommen. Ältere Tiere haben schnell gelernt, sich nach oben zu flüchten. Währenddessen rennen Jacob und Ann-Sofie im Kreis um uns herum und treten sich. Ich hielt sie erneut an und bitte darum, zum Toben nach draußen zu gehen.

Die junge Frau beugt sich zu ihren Kindern herunter und fragt, ob sie verstanden hätten, was ich da gesagt hätte und tätschelt ihrem Nachwuchs über den Kopf.

Sie wolle aber nur ein Kätzchen und zwar einen Welpen von der Homepage. Ich beginne meine Erklärung über das Sozialverhalten junger Katzen und über die Probleme, die einzelne Kätzchen entwickeln, über die Vorteile, die zwei jungen Kätzchen mit sich bringen, wenn sie sich als Sozialpartner und Spielgefährten haben.

Nein das sei keine Option und ihre Kinder, die mittlerweile am Treppengeländer turnten und das Schreiverbot langsam wieder unterliefen, wollten ja ein Kätzchen zum Spielen. Ich frage wie die beiden denn mit ihren vier Jahren auf die Idee gekommen seien, dass sie ein Kätzchen haben wollen. Wie erwartet folgt eine pastorale Geschichte von der jungen Frau über ihre eigene Kindheit und ihr Kätzchen namens Morle. Währen der Erzählung in der sie wieder einen etwas verstrahlten Ausdruck überkommt, rangele ich die Bälger vom Treppengeländer und erkläre dabei, dass das Katzenspielzeug nicht für sie gedacht sei und man es nicht kaputt machen müsse, fordere Jacob auf, den Schrank mit dem Katzenfutter wieder einzuräumen und hindere Ann-Sofie daran, jede einzelne Tür aufzureißen. Ihrer Mutter kommt nicht einen Augenblick der Gedanke, einzugreifen. Als ich etwas energischer werde, fragt die junge Mutter dann doch, ob das sein müsse, Jacob und Ann-Sofie? Ob sie sich denn nicht einmal betragen wollten, wo sie doch ein Kätzchen bekämen.

Angesichts des Aktivitätspegels der beiden Rangen, lenke ich ein und schlage vor, an Stelle eines jungen Kätzchens Ausschau nach einer älteren nervenstarken Einzelkatze zu halten. Die Enttäuschung ist ihr ins Gesicht geschrieben, während Jacob und Ann-Sofie der ganzen Sache keine Aufmerksamkeit schenken.

Nein eine ältere Katze, käme nicht in Frage, die Kinder und das Kätzchen sollten gemeinsam aufwachsen, Jacob warf den Stuhl um und traf den Fuß seiner Schwester. Der Schrei war markerschütternd, und ich wünsche, ich könnte, wie die Katzen Zuflucht unter einem Schrank suchen und warten, bis das alles vorbei wäre. Die Mutter nahm Ann-Sofie auf den Arm und begann sie tränenreich zu trösten und ich hatte nur, ein naja scheint ja noch alles dran zu sein übrig, nach 15 Minuten hörte der Schreianfall auf, Jacob nutzte die Gelegenheit und rannte in ein Kartenzimmer rein und ließ die Tür offen. Ich hatte alle Hände voll zu tun, Minka und Oskar wieder in ihr Refugium zu komplementierend und Jacob wieder hinaus zu befördern, der nun auch anfing zuschreien, allerdings aus Wut über meine Freiheitsbeschränkung.

Ich erklärte nochmal, dass auf Grund des Temperamentes ihrer Kinder kleine Kätzchen nicht in Frage kämen, wir aber einen sehr anhänglichen und verspielten vierjährigen Kater hätten, den ich ihr gerne zeigen wollte. Die Anspielung auf das Verhalten ihres Nachwuchses nahm sie übel, willigte dann aber ein, sich den Kater wenigstens anzuschauen. Die Kinder liefen schniefend voraus und ließen keine Gelegenheit aus, Dinge zu schupsen oder sich gegenseitig zu treten, die Mutter kommentierte dies nur mit einem versonnenen, „Ach sie sind ja so aufgeregte wegen dem Kätzchen.“

Ich verkniff mir jeden Kommentar, bei Frido angekommen, versuchte ich den Kindern zu erklären, wie sie sich verhalten sollten, drückte beiden ein Spielzeug in die Finger und ließ den Dingen seinen Lauf, sie schossen in das Zimmer und jagten um den in der Mitte stehenden Tisch, die Katzen stoben panisch in alle Richtungen, Anne-Sofie, erwischte Molly und hob sie an Kopf hoch, ich hastete Molly zu Hilfe die angstvoll jammerte. Jacob pikste derweil mit der Spielangel eine Katze, die unter einen abgehängten Stuhl geflüchtet war und wütend fauchte.

Ob die Kinder denn nun nicht mit den Katzen spielen dürften? fragte die Mutter erbost, als ich die beiden Gören an den Armen festhielt, um sie am Katzenquälen zu hindern. Ich frage, ob sie „Toys R Us“ kennt.

 

Wer glaubt, dass ich das Muttertier und ihre Sprösslinge hier überzeichnet habe, der täuscht sich. Wer denkt, dass dies nur ein Einzelfall sei, tut gleiches.

Agathe (2) Biene Pheobe (5) Lola Oskar Foto 4

Ludwig

Ludwig

Farbenlehre

Es ist ein trüber verregneter Frühsommertag und wenig Betrieb. Zwei dicke Damen drücken sich im Treppenaufgang des Katzenhauses herum. Sie haben nicht die Absicht sich ein Tier anzuschaffen, sie wollten nur mal schauen, die klassischen Tierheim-Touristen. Scheinbar gab es bei den Privatsendern heute ein Übertragungsproblem.

Sie haben wildbunte Trainingsanzüge und Schlappen an und machen laute Witze über Oskars Körperumfang und Chandros fehlenden Schwanz. Ich stehe vor einer Zimmertür und beobachte eine Gruppe Katzen. Die beiden Damen würden mich gerne ansprechen, trauen sich aber nicht so Recht. Dann fasst sich eine der beiden ein Herz: „Haben Sie die Katzen hier nach Farben sortiert?“ Ich drehe mich um und dabei wird mir klar, dass die Frage vermutlich darauf beruht, dass jedes Zimmer in einer anderen Farbe eingerichtet ist, eine einfache Ordnungsstrategie. Ich suche nach einer Antwort, die verständlich macht, worauf man bei der Gruppenstruktur und Zusammensetzung achten muss, wie heikel und sensible die Gruppenhaltung oft ist und welche Überlegungen man anstellen muss, aber dann halte ich inne. Die beiden stehen gerade vor dem grün eingerichteten Zimmern 14 in dem fünf sehr scheue und daher unsichtbare Katzen wohnen. Und ich antworte: „Ganz Recht und grün ist letzte Woche ausgegangen.“ Die Damen scheinen mit der Auskunft zufrieden zu sein.

… to be continued … Am Dienstag, den 30.7. 2013 erscheint Teil Zwei …

Ein Kommentar

  1. Liebe Tanja,
    wenn es nicht so ein ernstes Thema wäre, hätte ich einige Male richtig lachen können, aber leider ist ja alles echt!
    Da bleibt zur der alte Wahlspruch, der übrigens auch über meinem Schreibtisch hängt: Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen.
    Ich freue mich schon auf Teil 2, gehört auch zur Psychohygiene solche negativen Erlebnisse aufzuschreiben. Vor allem halte Dir immer die vielen geglückten Vermittlungen vor Augen und mach weiter so!
    Gruß von
    Dagmar – auch im Namen meiner Katzen!