„Süüüüüüüüüüüüüs, aber haben Sie den nicht auch in grau?“ – Szenen aus dem Tierheim Teil 2

Die Quietscher

Die Quietscher mag ich persönlich am liebsten. Es handelt sich meist um junge Frauen, die – egal was man ihnen zeigt – ständig in helle Jauchzer und Quietscher ausbrechen und am liebsten alle alle alle mit nach Hause nehmen würden. Sie sind schnell zu begeistern und finden alle alle alle süüüüüüsssssss. Sie suchen meist nur ein Katzentier und meist für die Wohnung. Sie entscheiden sich selbstverständlich für die süüüüüüüsssseste und die nehmen sie dann meist auch ohne viel Umschweife mit nach Hause und alle sind glücklich. Problematisch wird so eine Vermittlung meist nicht, denn wenn sie sich in das falsche Kätzchen verguckt haben (Freigänger ohne Freigang / soziales Katzentier in Einzelhaltung), lassen sie sich behutsam auch von etwas noch süsserem überzeugen. Sie sind umgänglich und geben gerne zu, dass sie nicht alles über Katzen wissen und nehmen Ratschläge gerne an.

Susi (21) Ludwig_Barney (1) IMG_7149 Biene Lola (3) IMG_6800 Anika (13) Im neuen Zuhause in neuem Haus Hertas Rückzugsort Bagihra verfolgt das Training auf ihrem Hochbett duftsäckchen (4)

Die Lifestile-Extremisten

Die Dame ist klassisch elegant gekleidet – und nicht blos angezogen. Sie ist geschätzt Ende vierzig und sucht eine Katze. Ich versuche in einem lockeren Plausch heraus zu finden, was die Dame sich wünscht und was zu der Dame passt, was nicht einfach ist, weil wir definitiv nicht dieselbe Sprache sprechen.

Ich frage nach der Größe der Wohnung und der Zeit die sie ihrer neuen Katze widmen könne, ob sie eher ein verspieltes oder eher ein verschmustes Tier suche. Sie findet, dass mich das eigentlich nichts anginge.

Die Katze darf nicht schwarz sein, denn da kann man den Charakter nicht erkennen, die Katze soll nicht alt sein, ein Kater nach Möglichkeit, nicht zu dick, aber auch nicht dürr, er solle keine kurzen Beine haben und ein ausgeprägtes Mienenspiel. Sam ist zu klein und Willi zu gedrungen, das runde Gesicht von Molly passt nicht zu ihrem schlanken Körper, und bei Mikesch sitzen die Ohren nicht an der gewünschten Stelle. Arthurs Schwanz ist im Verhältnis zu seiner Länge zu buschig, ansonsten käme er schon in Frage. Ob nicht etwas in einer anderen Farbe da wäre ….

Der neue Kater müsse eben einfach zu ihr passen. Nach einer zweistündigen Odysse durch alle Katzenräumlichkeiten, habe ich absolut keine Vorstellung, wen ich ihr noch zeigen kann, sie hat jeden Vorhang hochgerissen, in jedes Versteck geglotzt, ohne sich klar zu machen, welchen Stress sie verursacht, ständig in Sorge, das Beste zu verpassen oder noch schlimmer das Beste vorenthalten zu bekommen. Schließlich greift sie in ihre Gucci-Tasche und zeigt mir einige Fotos ihres verstorbenen Katers, um mir einen Eindruck zu vermitteln. Ein rassereiner Exotik Shorthair. Ich denke, ich habe einen Anhaltspunkt und zeige ihr eine moccafarbene Perserkatze. Nein, das ginge von der Farbe her gar nicht, ich hätte doch die Bilder gesehen, da wird mir klar, dass sie mir nicht den toten Kater zeigen wollte, sondern ihre Inneneinrichtung.

Wichtig sei, dass der Funke überspringe. Ich fragte in welche Richtung und sie schaute mich konsterniert an. Heute wurde sie nicht fündig und geht verdrossen nach Hause. Sie hat keine der Katzen, die ich ihr gezeigt habe gestreichelt oder etwas Freundliches zu ihnen gesagt, der Mangel an Empathie ist so eklatant, dass mir im Nachhinein noch schlecht wird.

Ein paar Wochen später meldet sie sich bei mir telefonisch und bittet um Hilfe. Sie hat sich beim Züchter einen 4 Monate alten Bengalkater gekauft und er habe binnen Wochenfrist schon einen Schaden von mehreren Tausend Euro angerichtet. Nun soll ich dem Zwerg scheinbar Hausstandsregeln beibringen, da ich ahne, worauf das hinausläuft, lehne ich ab und rate ihr den Zwerg zurück zubringen und sich nach etwas älterem und weniger temperamentvollem umzuschauen.

Erbse gut getarnt Prinz_Fussel_auf_Spielplatz Wassertrinken2 Foto 5

Tony am Fummelbrett 7 Tony am Fummelbrett 7

 

Die Funkenüberspringer

Sie kommen mit der Vorstellung ins Tierheim, dass dort das eine Tier sitzt, das für sie gemacht ist, sozusagen ihr soul-mate. Sie nehmen also nur ein Tier, das aus freien Stücken auf sie zukommt und Kontakt aufnimmt. Solange man ihnen nicht auf die Nase bindet, dass diese Katzen jeden freundlich begrüßen, weil sie einfach gut sozialisiert und unkompliziert sind, gehen diese Leute gutgestimmt mit einem netten Kätzchen nach Hause und erzählen auch in 10 Jahren noch gerne, dass Maunzerle, sie ausgesucht hat, und nicht sie Maunzerle, weil Maunzerle gleich am Gitter hoch, ist als sie vorbei gelaufen sind. Selbstverständlich gibt man sein seelenverwandtes Katzenkind unter keinen Umständen wieder her, die Rücklaufquote tendiert daher gegen Null.

Die Tatsache, dass jedes Lebewesen Zeit braucht, um eine Bindung einzugehen und Vertrauen zu fassen, steht einer Vermittlung nur dann im Wege, wenn sie sich bereits in ein Tier verguckt haben, dass schüchtern oder scheu ist und beim ersten Besuch von Fremden keinen Anlass sieht sein sicheres Versteck zu verlassen.

Als ich eine soziale Zweitkatze suchte, die gerne auch scheu sein durfte, setzte mich die Dame vom Tierschutz in einen Käfig, an dessen anderen Ende sich eine schüchterne kleine Katze in ein Kissen drückte in der Hoffnung unsichtbar zu werden. So saßen wir uns eine halbe Stunde gegenüber. Ich sprach mit ihr, ich warf ihr Knuspertaschen zu und blinzelte freundlich. Dann kam die Dame vom Tierschutz zurück und fragte, ob der Funke übergesprungen sei und machte mich ganz verlegen, weil ich funkentechnisch völlig versagt hatte.

 

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Minka mit Federpuschel Passiert jetzt noch wasWasserPrinz_auf_Katzenleiter

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Die Katzenprofis

Eine ältere Dame in Begleitung ihres Mannes steht vor mir und sucht das Gespräch auf Augenhöhe mit der Katzenpsychologin. Sie haben seit über dreißig Jahren Katzen und behaupten daher von sich viel Erfahrung in Sachen „Katze“ zu haben. Um das zu belegen bricht eine wortreiche Anekdotensammlung über mich herein, in der das Wesentliche und das Besondere jeder einzelnen Katze, die jemals eine Pfote auf die Türschwelle gesetzt hat (inkl. der Türschwelle des Elternhauses und diverser Nachbarn) skizziert wird.

Nun nach dem Tod von Konrad suchen sie wieder einen neuen Kater. Er dürfte ruhig älter und ruhig auch etwas schwierig sein, denn sie hätten ja Erfahrung. Im Internet hätten sie Oskar gesehen, der sähe ihrem geliebten Konrad so ähnlich. Ich gehe mit ihnen in das Zimmer von Oskar und lausche noch mehr Geschichten über Konrad. Oskar kommt mir quengelnd entgegen gelaufen. Ich stelle Oskar vor und erkläre, dass er nicht gerne getätschelt wird und hin und wieder ungemütlich wird, wenn man ihn anfasst. Der Mann beugt sich über Oskar und knuddelt ihn mit beiden Händen, mir tritt Schweiß auf die Stirn, und dann hebt der Mann Oskar hoch, ich will noch einmal hastig warnen, aber da hat Oskar schon zugepackt und weil der Mann nicht loslässt, fasst Oskar zweimal nach, bis er wieder auf dem Boden steht. Oskar lässt seinen Unmut über eine derartige Distanzlosigkeit nochmals Ausdruck, klammert sich mit allen Vieren um das Bein des Mannes und beißt noch mal zu. Blut läuft und ich ringe mir eine Entschuldigung ab. Der Mann überspielt den Schmerz, verbindet seine Hand mit einem Taschentuch. Ich biete Wasserstoffperoxid an, aber ich hatte vergessen, die beiden sind alte Hasen und wurden nicht zum ersten Mal gebissen.

Konrad wäre auch nicht einfach gewesen, sagt die Frau, der hätte sie anfangs auch gebissen, aber ihr Mann habe Konrad dann durch das Haus gejagt und zurück gebissen und damit die „Dominanz-Hierachie“ klar gestellt. Danach wäre nie wieder etwas vorgefallen.

Ich blicke Oskar nach, der etwas stolz durch die Katzenklappe nach draußen verschwindet und habe Angst um seine Zukunft. Aber die Katzenexperten können sich heute noch nicht entscheiden und gehen ohne Katze nach Hause.

 

duftsäckchen (6) Dominique4 Dominique7 Bagihra verfolgt das Training auf ihrem Hochbett Wasser Tamtam (12)

Die Gute-Taten-Tuer

In diesen Fällen ist die Motivationslage schon etwas komplexer, denn einige unterscheiden nicht, zwischen sich selber etwas Gutes zu tun, nämlich das tolle Gefühl zu haben, etwas zu retten und etwas Gutes für ein Tier zu tun, das einen besonderen Pflegeaufwand erfordert und was im Zweifelsfalle erst einmal mit Aufwand und Umständen für den neuen Halter verbunden ist.

Vor einigen Monaten kam eine Gutes-Tuerin ins Tierheim – und geriet an mich. Nun ich stellte ihr die üblichen Fragen und sie erklärte, sie würde ohne Ansehen der Person einfach die Katze nehmen, die es am nötigsten hätte.

Mein Herz klopfte bis in den Hals hinauf und ich dachte, endlich ist jemand für die dicke Minka gekommen. Ich begann zu plappern und führte sie die Treppe hoch in Minkas Zimmer. Die Frau sah Minka und lehnte augenblicklich ab, so etwas Dickes habe sie sich nicht vorgestellt. Ich war vor den Kopf gestoßen, schluckte und fragte dann, ob sie dann auch ein älteres Katzentier nehmen würde, immer noch im Ohr, dass sie ja nach einem Notfall suchte. Ja schon, aber Josie, war mit ihren 15 Jahren, dann doch auch zu alt. Rudi, zu scheu, und Serafina zu abweisend. Am Schluss nahm sie eine zugängliche freundliche hübsch Dreifarbige Katzendame, kein Notfall, aber sicherlich auch eine gute Tat. Zugute halte ich der Dame, dass sie in Angesicht der Notfälle klar erkannte, dass diese nichts für sie waren. Anders hingegen eine Dame, die sich für einen meiner scheuen Schützlinge entschied, und von uns nach drei Tagen verlangte, dass wir ihn wieder einfangen müssten, weil er sich noch immer nicht anfassen ließe.

Viele der Gutes-Tuer übernehmen sich mit einer problematischen Katze, denn insgeheim scheinen sie alle zu denken, dass diese Katzentierchen, ihre Eigentümlichkeiten an der Wohnungstür ablegen, allein schon, weil sie so nette Menschen sind. Und gerade diese Menschen geraten völlig aus der Fassung, wenn dann doch ein Malheur passiert oder die Katze, wie versprochen nicht streichelbar ist und sich nicht binnen Tagesfrist in einen anhänglichen und verschmusten Couchkater verwandelt. Die Rücklaufquote dieser Menschen ist leider die höchste.

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Die Sammler

Sie haben meist schon eine oder zwei oder drei oder mehr Katzen inkl. Hunde, Kleintiere, Schwiegermütter, Pflegekinder und andere soziale Baustellen zu Hause und möchten „noch was dazu“.

Die Dame sprudelt bei der Aufzählung ihrer tierischen Mitbewohner schier über. Acht Katzen, vier Hunde, 6 Papageien, die Anzahl der Kaninchen und Meerschweinchen kann nicht akkurat angegeben werden und sie behilft sich mit „einige“. Ich frage so devot wie möglich, warum sie noch eine weitere Katze möchte. Also. Bislang waren es acht Katzen, aber irgendwie hat sie Pech gehabt, die eine haben sie vor ca. 3 Wochen morgens tot im Hof gefunden und die andere wurde jetzt eingeschläfert. Deswegen wollte sie ja ursprünglich zwei Katzenwelpen bei und holen, aber dann habe die Nachbarin ihr ein ca. 4 Wochen altes Katzenkind geschenkt. Also suche sie jetzt nur noch ein Katzenkind als Gesellschaft. Ich frage nach dem Alter der beiden verstorbenen Katzen. Die eine war drei Jahre und der Kater nur 9 Monate.

Ich frage nach den anderen Katzen und deren Alter und Charaktereigenschaften. Sie versteht nicht warum das eine Rolle spielt und ich erzähle offen und blumig von meinen Kämpfen in meinem Vier-Katzen-Haushalt eine Art Gazastreifen zu etablieren. Aber sie kennt keine Streitigkeiten unter ihren Schutzbefohlenen. Auch meine Ausführungen über die Wahrscheinlichkeit von Unsauberkeit im Mehrkatzenhaushalt, immerhin 100% bei mehr als 10 Katzen, irritiert sie nur. Ihre Tiere sind alle glücklich, denn sie ist es ja auch. Selbstverständlich, hat sie zu jedem einzelnen Tier, trotz Vollzeitjob, ein spezielles und inniges Verhältnis und auch genug Zeit dessen individuellen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Ich frage, ob man weiß woran die beiden kürzlich verstorbenen Katzen erkrankt waren. Ja das sei FIP gewesen, ich zucke erschrocken und versuche ihr zu erklären, in welcher Gefahr sich die Katzen befinden. Ich ernte nur Ablehnung und am Ende beschimpft sie mich, ich wolle gar keine Tiere vermitteln und ihnen ein neues schönes Zuhause geben. Sie habe ein Haus mit über 200 m2 und Freigang und ich wolle ihr keine Katze geben – dann folgen die üblichen Drohungen.

Ich stehe im Gewitter ihrer Anschuldigungen und habe keinen anderen Regenschirm, als meine feste Überzeugung, dass ich ein anderes Zuhause finden muss.

Ein Kommentar

  1. Hallo Tanja,

    wir lesen meistens deine Berichte, und in diesem Fall,kann man
    nur sagen, da braucht man starke Nerven!
    Es ist wirklich manchmal nicht zu glauben, mit was für Menschen
    man es zu tun bekommt!
    Wir wünschen Dir weiterhin ganz viel Geduld und Kraft, im Umgang
    mit den Katzen und vorallem mit den „Zweibeinern“.
    LG