Klassische Irrtümer Nr. 2 „Ich bin hier der Chef! – Die Mär von Rangordnung und Dominanzbeziehungen und warum sie so hartnäckig in den Köpfen der Menschen überdauert.“

Rangordnung und Dominanzbeziehungen – ein göttliches Naturgesetz?

Immer wieder werde ich während meiner Arbeit mit dem Konzept der Hierarchie und der Rangordnung konfrontiert, immer wieder bin ich irritiert über die zähe Langlebigkeit mit der sich diese Idee in den Köpfen der Menschen verewigt und wie sie immer wieder aufs Neue an die nachfolgenden Generationen weiter gegeben wird, als handelte es sich dabei um ein unumstößliches Naturgesetz.

Üblicherweise nehmen die Halter erst zu mir Kontakt auf, wenn eine Vergesellschaftung schon eskaliert ist. Meist haben sie den Rat von Züchtern oder Tierheimmitarbeitern beherzigt und die neue Katze zu Hause einfach aus dem Transporter geschüttelt und dann die Katzen sich selbst überlassen, im guten Glauben, die Katzen müsste erst einmal eine Rangordnung auskämpfen. Allerdings: Wenn sich die Katzen bereits mehrere Wochen bekriegt haben, kommt meist jede Hilfe zu spät und der Neuzugang muss das Feld wieder räumen.

Worum geht es bei dem Konzept von der Rangordnung?

Das vereinfachte Konzept der Rangordnung und Dominanzbeziehung ist vor allem unter Hundehaltern weit verbreitet. Es wird dabei meist als ein starres lineares Gebilde, in dem das ranghöchste Rudelmitglied, alle anderen Gruppenmitglieder reglementieren darf, verstanden. Der im Rang folgende darf dann alle anderen unter ihm reglementieren – und so weiter, bis der Rangniedrigste niemanden mehr hat, den er reglementieren kann. Die jeweils Rangniederen zeigen keine Gegenwehr, höchstens Beschwichtigung.

Die Idee der Rangordnung scheint simpel, da man sich als Halter nur an die Spitze der Hierarchie setzten muss, damit der Hund einem dann unterwürfig gehorcht.

Diese Simplifizierung canider Beziehungssysteme vermengt ethologisches Halbwissen über Wölfe und Hunde gefährlich mit dem Allmachtswunsch vieler Menschen bzw. Hundehalter.

Wer möchte, kann gerne mal „Hundeerziehung & Rangordnung“ googeln und schon stößt man auf einen warmen Regen baren Unsinns.

·         der Hund darf nie zuerst essen,

·         der Hund muss uns immer aus dem Weg gehen und uns Platz machen,

·         der Hund darf nie vor einem laufen,

·         der Hund darf nicht auf dem Sofa liegen,

·         der Hund darf beim Spiel niemals gewinnen

·         usf.

Besonders obskur: Der Ranghöhere darf den Rangniederen willkürlich belästigen sowie der „gute Rat“, sich hin und wieder mal in den Hundekorb zu setzen, um zu demonstrieren, dass der Hund keinen Privatbesitz hat und die absolute Verfügungsgewalt beim Menschen liegt.[1]

Der Halter setzt nach diesem Konzept seinen Rang durch ein vielfältiges System von passiver und aktiver Aggression durch. Es entstehen immer neue kuriose und obskure Regeln: so muss der Hund permanent Blickkontakt suchen, egal ob er beim Gassi gehen deswegen ständig gegen Laternen donnert, oder der Hund muss sodann anonym gefüttert werden, weil der „Rudelboss niemals Futter abgeben“ würde. Auch das ist wahr: Es gibt tatsächlich Hundehalter, die mit einer Spritze eigenem Urins, die Harnmarken ihre Rüden übermarkieren …

Hunde werden herum gezerrt und unterworfen, indem man sie wortwörtlich auf den Rücken schmeißt, es ist auch keine Sünde sie mit Blechnäpfen zu malträtieren, sondern eine anerkannte Trainingsmethode, genauso wie das an „Führhilfen“ – als solches bereits eine Infamie – durch die Gegend zerren oder in den Nacken kneifen.

Ach so, nicht zu vergessen: In innerartliche Konflikte, sei es auf Spaziergängen oder in den eigenen vier Wänden, darf der Halter jedoch nicht eingreifen, da die Klärung der Rangordnung ja nun mal ein Naturgesetz ist. Und so muss der Schwächste ein elendes Dasein als Prügelknabe führen.

So erschafft man keinen stabilen und souveränen Hund, sondern einen verängstigten Prügelknaben, der ständig auf der Hut sein muss, damit er alles richtig macht, nicht auffällt oder stört, der dulden muss belästigt und gegängelt zu werden, der ständig versucht zu beschwichtigen, der niemals gewinnen darf und sich ständig unterordnen muss. So eine Hundeseele hat mein tiefstes Mitgefühl.

Wie das Konzept der Rangordnung entstanden ist und die vier eklatantesten Irrtümer auf denen es fußt:

Die meisten Vertreter der Rangordnungs-Theorie berufen sich dabei auf die „natürliche Ordnung“ in Wolfsrudeln. Diese Rudel funktionieren nach Meinung der Rangordnungs-Verfechter nur über Dominanz und Unterwerfung. Freundschaft, Toleranz, Rücksicht und Kooperation tauchen in diesem Rudel-Model nicht auf.

Die angebliche Ableitung des Rangordnungsmodells aus der „Natur des Wolfes“ macht es so gefährlich, weil es uns logisch erscheint. Wenn Wölfe ihre Beziehungen so einfach regeln, warum sollte also unser Cocker oder Labrador anders ticken?

Allerdings machen die Anhänger dieses statischen und eindimensionalen Modells gleich vier eklatante ethologische Fehlgriffe, die ich im Folgenden erläutern möchte.

Irrtum Nr. 1:
Das Konzept fußt auf Beobachtungen von Wolfsgruppen, die in Gehegen gehalten wurden, und daher eben kein „normales“ Wolfsverhalten zeigten.  

In Gehegehaltung stellte man tatsächlich eine sehr hohe Rate an aggressiven Verhaltensweisen zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern fest und auch eine stark linear geprägte Hierarchie. Allerdings muss man hier schon korrigieren, die Linearität war bei weitem nicht so eindimensional, wie sie sich nun in den Köpfen verfestigt hat. Es gibt auch hier persönliche Bindungen und Freundschaften in denen die Linearität Sprünge hatte, die nicht über das simple Model von Dominanz, Subordination bzw. Submission erklärt werden konnten.

Nach einiger Zeit stellten einige kluge Köpfe fest, dass die Gehegehaltung der beobachteten Wölfe eine künstliche und nicht artgerechte Haltungsform war, die zwangsweise natürliches Verhalten unterdrückte und an dessen Stelle Verhalten beförderte, dass nicht typisch für den Wolf war, hierzu gehört auch das extensive Display aggressiver Verhaltensweisen. Man begann Freilandbeobachtungen und war überrascht, wie sehr das soziale Verhalten dieser Gruppen vom sozialen Verhalten der Gehegewölfe abwich.

Der erste ethologische Fehlgriff liegt also in der Vorstellung, dass die lineare Hierarchie die natürliche Ordnung von Wölfen sei. Diese Vorstellung ist nicht nur antiquiert, sondern falsch, da es sich bei der linearen Hierarchie um eine Folge der von Menschen geschaffenen sozial gestörten Organisation handelt.

Irrtum Nr. 2
Das Konzept berücksichtigt nicht, dass im Vordergrund der sozialen Organisation von freien Wolfsrudeln Kooperation und familiärer Zusammenhalt stehen.

Wolfsrudel in Freiheit bestehen üblicherweise aus einer Familie von zwei maximal drei Generationen. Die adulten Jungtiere des vergangenen Jahres wandern nach und nach ab und bilden eigene Familiengruppen. Dies dient auch dem Inzuchtschutz. Wolfsrudel werden von Canidenforschern mittlerweile als Familienverband beschrieben, in dem die Elterntiere die Funktion haben, die Gruppe zu führen, zu erziehen und Wissen zu vermitteln, dass den Jungtieren hilft, später außerhalb der relativen Schutzzone der Gruppe, auch alleine zu überleben. Es überwiegen affiliative und freundliche bindungsstärkende Interaktionen, die Kooperation und Zusammenhalt befördern. Konflikte über Ressourcen, werden mit ritualisierten Ausdrucksverhalten (Mimik, Lautgebung, Körperhaltung, Bewegungsmuster) gelöst, ohne dass der Einsatz offensichtlich aggressiver Verhaltensweisen erforderlich ist. Im Gegenteil: unverhohlen aggressive Verhaltensweisen sind überaus selten zu beobachten.

Die beobachteten Unterschiede in der sozialen Organisation zwischen freilebenden Wolfsfamilien und in Gehegen gehaltenden Rudeln, lassen sich vor allem darauf zurück führen, dass ein Abwandern der adulten Jungtiere nicht möglich war und der soziale Stress der durch diesen  Umstand auf der Gruppe lastet nicht anders bewältigt werden konnte.

Es ist also festzuhalten, dass Wölfe, wenn sie wählen können, Familienverbände bilden in denen affiliative Verhaltensweisen, Kooperation und Konfliktvermeidung die Bindeglieder zwischen den einzelnen Tieren darstellen. Das oben beschriebene Konzept der Rangordnung, das auf Dominanz, Subordination bzw. Submission beruht, nur in einer Zwangsgesellschaft in nicht artgerechter Haltung entsteht.

Irrtum Nr. 3: „Hunde sind Wölfe“
Das aus der Gehegehaltung von Wölfen abgeleitete Rangordnungsmodell wird nun auf den domestizierten Hund übertragen, obwohl das Verhalten des Hundes durch Domestizierung und zielgerichteter Züchtung auf bestimmte Fähigkeiten oder ein bestimmtes Aussehen stark vom Verhalten des Wolfs abweicht. Das Rangordnungsmodell wird unreflektiert auf den domestizierten Hund übertragen.

Nicht nur das Ausdrucksverhalten hat durch die Domestikation an Ausdrucksstärke und Variabilität verloren, auch die soziale Organisation von Hunden unterliegt anderen Bindungs- und Konfliktlösungsstrategien. Studien, die mit verwilderten Hunden sowohl in ländlichen als auch städtischen Gebieten, durch geführt wurden, zeigen dass sie keine festen Rudel bilden, die kooperative Jungenaufzucht betreiben oder gemeinsame Jagdstrategien entwickeln, ihre Kohäsion ist labiler und instabiler. Tiere, die eine höhere Fähigkeit besitzen Ressourcen zu kontrollieren und zu monopolisieren, investieren weit weniger Energie in soziopositive Gesten und Rituale, wie es gewöhnlich die Leittiere in Wolfsrudeln tun.

Die soziale Organisation von Hunden basiert auf situativer Unterordnung und Konfliktvermeidung, die abhängig ist von den Vorerfahrungen mit einem bestimmten Sozialpartner, der eigenen Motivation, eine bestimmte Ressource in diesem Moment für sich zu monopolisieren. Viele Faktoren, wie Sozialisation, genetische Dispositionen, Ressourcenverfügbarkeit, erlernte Problemlösungsstrategien, beeinflussen den Ausgang in einem Ressourcenkonflikt. In solchen Konflikten greifen Hunde auf ein ausgeprägtes und komplexes Ausdrucksverhalten zurück, dass dem Mensch nicht annähernd zugänglich ist, da es Körperhaltung und Bewegungsmuster, Gesichtsausdruck, Lautgebung, Geruch und den Einsatz von Pheromonen umfasst.

Irrtum Nr. 4
Nun soll ein Primat das wölfische Verhalten imitieren, um einen domestizierten Hund unterzuordnen.

Das dazu erforderliche komplexe Ausdrucksverhalten kann der menschliche Chef, in seinem kläglichen Dominanzgebaren nicht annähernd spiegeln, da kann er noch so Knurren, Kläffen, Schnappen, Blockieren und Abdrängen. Es macht keinen Sinn sich als Mensch wie ein Wolf verhalten zu wollen, um einen Hund unterzuordnen.

Und was das alles mit Katzen zu tun hat …?

Was nicht für Wölfe gilt, gilt in diesem Fall auch nicht für Hunde, aber nun kommen wir zu dem größten ethologischen Fehlgriff, denn nun wenden die Rangordnungsenthusiasten dieses Model auch noch auf eine mit dem Wolf gar nicht verwandte Spezies, nämlich die Katzen an.
Ungeachtet der Tatsache, dass es keine wilde Kleinkatzenart gibt, die in rudelähnlichen Gruppen lebt, und unter den Großkatzen lediglich, die in Familienverbänden zusammenlebenden Löwen existieren, wird das Hierarchiemodel nun auch zur Erklärung der sozialen Struktur unserer Hauskatzen missbraucht.

Glücklicherweise ist das Bedürfnis zu dominieren bei Katzenhaltern in der Regel weniger stark ausgeprägt als bei Hundehaltern.
Dies mag der Grund sein, warum ich noch keinen Katzenhalter getroffen habe, der um der Rangordnung Willen in der höchsten Kratzbaumhöhle sitzt,  oder der sich Starrduelle liefert, um seinen Wiederpart unter dem Bett zu fixieren. Stellen Sie sich eine KatzenbesitzerIn vor, die sich vor die Katzentoilette platziert, um jeden der rein oder raus will zu drangsalieren oder einen, der „wegen der Rangordnung“ regelmäßig gegen sein eigenes Sofa pinkelt.

Aber: Das unglückselige Denkmodell der Rangordnung führt – wie Eingangs schon beschrieben – auch in Katzenhaushalten zu eskalierten und missglückten Vergesellschaftungen und sozialen Missständen in Katzengruppen, in denen das Sofa beginnt unangenehm zu riechen, weil die Pariakatze, die dort wohnt, sich nicht mehr auf die Toilette traut.

Frage ich einzelne Halter dann nach der sozialen Struktur ihrer Katzengruppe, zeigen viele unverhohlen Stolz für ihren Chef und seine Methoden, für den Paria der Gruppe haben sie meist zumindest warmes Mitgefühl. Aber kaum einer macht sich klar, wie sich die Katze fühlt, die ein Leben, verbannt unter Couch oder Bett verbringt und nur heimlich auf die Toilette oder an den Futternapf huschen darf und ständig der Gefahr ausgesetzt ist, verdroschen zu werden.

Eine derartige Situation als Gottgegeben anzuerkennen, bedeutet einem fühlenden Lebewesen zuzumuten, ein Leben in Angst und Isolation zu führen. Das ist keine Grundlage für eine artgerechte Tierhaltung.

Anstatt dieser mitleidlosen linearen Rangordnung, sollte Kooperation und Respekt vor den artspezifischen Bedürfnissen unsere Beziehung zu unserem Tier und die Beziehungen unserer Tiere untereinander bestimmen.

Wir müssen umdenken und lernen, innerartlichen Konflikte durch positive Impulse und Managementmaßnahmen (Ressourcenverfügbarkeit) zu entschärfen und das soziale Gefüge zu entspannen. Es ist möglich, soziale Spielregeln zu etablieren, sofern man es mit Tieren zu tun hat, die für die Mehrkatzen- oder Mehrhundehaltung geeignet sind. Schlecht sozialisierte Tiere, die mit Aggression und Angst auf Artgenossen reagieren, gehören nicht in solche Gruppen.
Die Moderation der sozialen Umgangsformen setzt aber voraus, dass wir die Schranken in unseren Köpfen öffnen und uns vorbehaltlos mit dem Verhalten unserer Tiere auseinander setzten. Dann finden wir auch Konfliktlösungen, die Hunden oder Wölfen verschlossen sind.

 

Literatur

„Wölfe und Königspudel – Ein Verhaltensvergleich“,  E. Ziemen

„Hundepsychologie” D. Feddersen-Petersen

“Social behavior of wolves and dogs” D. Feddersen-Petersen

“Whatever happened to the term alpha wolf ?” D. Mech

“Bahaviour and social ecology of free-ranging dogs.” Boitani, Ciucci, Ortolani

“A fresh look at the wolf-pack theory of companion animal dog social behavior”, v. Kerkhove

“The social organization of the domestic dog”, Semyonova

“Tretment of behaviour problems in dogs and cats”, H. R. Askew

“Behaviour problems of the Dog & Cat”, G. Lendsberg, W. Hunthausen, L.Ackermann

“Der Wolf im Hundepelz“, G. Bloch

„Wölfisch für Hundehalter: von Alpha Dominanz und anderen populären Irrtümern“, G. Bloch

[1] http://der-tut-nichts.info/hundeerziehung/7-goldene-regeln-der-rangordnung