Katzenerziehung

Kann man eine Katze erziehen?

Kann man ihr beibringen keine Tapeten und Gardinen zu zerstören, einen nicht um drei Uhr Nachts aus dem Bett zu schreien, die Krallen beim Spielen nicht zu gebrauchen oder weder auf der Küchenanrichte noch auf dem Esstisch ein Mittagsschläfchen zu halten? Die meisten Katzenhalter würden dies verneinen.

Eine Katze ist eben eine Katze und in diesem Sinne ist dies nicht als Tautologie zu verstehen, sondern als Mantra für die Sonder-Lebensform „Katze“ – als unabhängiger Freigeist, der sich von Menschen nicht disziplinieren lässt.

 

Für unsere kleinen Fellknäule scheint die Erziehungsarbeit jedoch ein Klacks zu sein.

Ich kenne kaum eine Katze, die es nicht geschafft hätte ihrem Halter das eine oder andere Kunststück beizubringen oder ihn mit verantwortungsvollen Aufgaben zu betrauen.

Angefangen mit dem nächtlichen Zimmerservice inkl. eines drei Gänge Menüs, einem Nebenjob als Portier der die Terrassentür jeden Abend für die Majestät unzählige Male auf Befehl auf und zu machen darf, oder für einen frischen Schluck Wasser aus dem Badewannenhahn sorgt.

Wir werden als Transportmittel missbraucht und tragen unsere Katzen bedächtig auf Schultern, wahlweise auf dem Kopf, durch unsere Wohnung, wir lernen auf einer Tastatur zu schreiben, auf der sich ein acht Kilo Kater wonnig aalt und dienen gerne bewegungslos als Katzensofa. Wir lernen, wo Madam gerne gekrault wird und lassen die Stellen aus, die zu Gereiztheit führen.

Bei meiner Tätigkeit als Verhaltensberaterin für Katzen und Menschen verblüfft mich einerseits immer wieder, mit welcher Schicksalsergebenheit sich die meisten Katzenhalter mit den Unarten Ihrer vierbeinigen Untermieter abfinden und andererseits, dass Menschen nicht erkennen, wie lernfähig und -freudig die meisten Katzen sind, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen und die Dressur des Halters geht.

 

Also allen Unkenrufen zum Trotz: Ja, Katze ist erziehbar!!!!

Um bei der Erziehung der Katze erfolgreich zu sein, sollte man sich zunächst einige Dinge vor Augen führen. Katzen ticken anders als Hunde oder Menschen, weil Katzen im Gegensatz zu Hunden oder Menschen zum Überleben nicht zwangsweise auf die Kooperation mit anderen Lebewesen angewiesen sind.

Sie jagen allein und teilen ihre Beute maximal mit ihrem Nachwuchs (oder ihren gänzlich jagdlich unerfahrenen Menschen). Das liegt nicht zuletzt an der Größe ihrer bevorzugten Beute, bei der weder Jagdgemeinschaften, noch das Teilen der Beute einen Sinn ergeben würde. Anders bei unseren Hunden, die durchaus im Rudel jagen und gemeinsam, wenn auch hierarchisch strukturiert Fressen.

Hunde organisieren sich in Gruppen, um ihre Chancen Beute zu machen und sich gegen Feinde zu schützen zu verbessern. Für ein Gruppenleben ist eine sehr komplexe innerartliche Kommunikation notwendig, vor allem um Konflikte zu vermeiden oder zu reduzieren.

Katzen brauchen eine solche komplexe soziale Kommunikation nicht, da sie einen geringeren Abstimmungsbedarf haben. Folgerichtig haben sie kaum Beschwichtigungsgesten[1] und keine Unterwerfungsgesten, um Konflikte aufzulösen. Sie können also während einer Auseinandersetzung nur Flüchten oder zurück schlagen.

 

Was bedeutet dies nun für die Erziehung einer Katze?

Zum einen muss man der Katze einen guten Grund geben zu kooperieren, anders als ein Hund, bei dem die Kooperation in einer Gruppe bereits genetisch fixiert ist.

Zum anderen hat die Katze ein anderes Konfliktverhalten als ein Hund und reagiert auf aversive Erziehungsmaßnahmen mit Distanzierung und Verweigerung.

Also legen Sie die viel zitierte Wasserpistole aus der Hand, schlucken Sie Ihren Unmut klag- und wortlos hinunter und nehmen Sie Abstand von allen Formen der Tätlichkeit – nicht nur auf Grund moralisch-ethischer Überlegungen, sondern schlicht, weil es Ihnen bei der Katze nichts nützt.

Oder hat Ihre Katze aufgehört, die Tapeten zu zerkratzen, weil Sie sie geschimpft und durch die Wohnung gejagt haben? Hat Ihr Kater aufgehört Sie morgens um 3 Uhr lautstark um ein Frühstück zu bitten, weil Sie ihn mit der Wasserpistole angesprüht haben? Oder pinkelt Ihre Katze nicht mehr auf Ihr Bett, weil Sie sie im Katzenklo eingesperrt haben?

Nur um keine Missverständnisse hervorzurufen, selbstverständlich sind dies auch keine adäquaten Maßnahmen in der Hunde- oder Menschenerziehung :-)!

 

Klassische Fehler in der Katzenerziehung – Zwei Beispiele

 

Kratzen an der Couch

Sie haben sich dazu entschlossen, die Couch im Wohnzimmer vor den Kratzattacken ihres Katers Tiger zu schützen. Zu Ihrem Leidwesen, hat sich Tiger angewöhnt nach einer kurzen Mittagsruhe im Zeitungskorb neben der Couch seine Krallen im weichen und nachgiebigen Polster der Armlehne zu vergraben. Er bearbeitet die Armlehne mit viel Enthusiasmus und Freude und die Spuren sind nicht zu übersehen.

Nun sitzen Sie auf der Couch und warten auf den  Augenblick, wenn er aufwacht und sich streckt und sich an der Armlehne der Couch hochzieht.  Er schaut sie versonnen an und beginnt heftig zu kratzen. Sie schreien seinen Namen, springen auf und jagen ihn schimpfend davon. Tiger sucht Schutz hinter dem Zimmerbambus und schaut Sie unverständlich an.  Was hat Tiger jetzt gelernt? Wenn ich aufwache und freundlich Kontakt aufnehme, dreht sie durch? Um diese Zeit sollte ich ihr aus dem Weg gehen?

Nun nach einigen Wiederholungen, hat er begriffen, dass es mit dem Kratzen zusammen hängt. Vielleicht ist er mehrmals aufgestanden und hat sich erst geputzt und wurde nicht angeschrien, vielleicht hat er auch manchmal nach dem Nickerchen einen anderen Weg eingeschlagen, weil Nachbars Kater Carlo durch den Garten schlich und ist so seiner Bestrafung entgangen. Oder, oder, oder ….

Nach einer Woche weiß er nun, dass Sie ihn anschreien und durch die Wohnung jagen, wenn er an seine Kratzstelle geht und seine Arbeit tut.

 

 

Was hat Tiger gelernt?

Kratzen ist eine physiologische Notwendigkeit, und erfüllt vielerlei Funktionen, von der Nagelpflege, zum Lockern der Muskulatur und vielfältigen kommunikativen Aussagen, die durch die Kratzmarke und den Grad der Zerstörung und den Geruch Aufschluss über die Katzenpersönlichkeit geben. Das bedeutet Tiger muss kratzen, es ist wie schlafen, essen und Pipimachen ein natürliches Bedürfnis.

Nun ist Tiger ein gelassener und in sich ruhender selbstbewusster Kater. Seine Verunsicherung über Ihr seltsames Betragen schlägt nicht um in Meideverhalten. Außerdem hat er gemerkt, dass Sie die Verfolgung schnell einstellen und ihm nichts Schlimmeres passiert. Also nimmt er das Anschreien zunächst in Kauf, aber mit der Zeit ist es sogar ein Spaß und eine einfache Methode, Ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nicht wenige Katzen, warten in solchen Situationen, bis der Halter guckt und legen dann erste los. Auf uns wirkt, das natürlich wie eine Provokation, aber für die Katze ist es eine Aufforderung zum Spiel, ein Ritual geworden.

Bei dem Versuch Tiger durch Strafe von seinem Vorhaben abzuhalten, haben Sie ihm einen weiteren Anlass gegeben die Couch zu zerstören und sein Verhalten ritualisiert. Katzen mit geringerem Selbstvertrauen suchen sich andere, meist genauso unerwünschte Kratzstellen, oder beginnen ihre Umgebung mit einem nachhaltigeren Duft zu belegen und setzten Urinmarken. Andere Katzen beginnen ihre Halter zu meiden, weil diese in den Augen der Katze in letzter Zeit zu völlig unberechenbaren Wutausbrüchen neigen und  verlegen das Kratzmarkieren einfach in Zeiten in denen die Halter abwesend sind.

 

Nun wie macht man es als Katzenhalter richtig?

Sie wissen nun, dass Tiger kratzen muss und Sie wissen, dass er gerne nach seinem Nickerchen eine exponierte Kratzstelle aufsucht. Sie wissen, dass er immer die gleiche Ecke bearbeitet und dass er weiches Material mag, in das seine Krallen tief eindringen. Sie kennen also den Zeitpunkt, den Ort und seine  Vorlieben. Also wäre es am einfachsten, Sie würden ihm etwas zur Verfügung stellen, das er kaputt machen darf. Sie stellen zunächst einen entsprechenden Kratzposten genau da hin, wo Tiger kratzen will.

Da alte Vorlieben nur ungerne aufgegeben werden, müssen Sie auch die Beschaffenheit der alten Kratzstelle vorübergehend verändern, so dass diese an Attraktivität verliert. Gründlich reinigen, alle visuellen Verewigungen entfernen, und die Oberflächenstruktur, durch das Aufkleben einer Plastikfolie oder beidseitig klebendem Klebebands verändern. Für Tiger ist das Kratzen an der Couch  nun unabhängig von Ihrer Anwesenheit unerfreulich (anonyme Strafe).

Je nach Kratzstelle, kann man Tiger auch den Zugang einfach durch ein anderes Möbel (Couchtisch) verstellen (Managementmaßnahmen).

Tiger lernt, durch die Managementmaßnahme und die anonyme Strafe, dass die Couch nicht geeignet ist für weitere Kratzmarken.

Gleichzeitig loben Sie Tiger überschwänglich, wenn er seinen neuen Kratzpfosten nutzt und spielen viel mit ihm an der neuen Kratzstelle.

Er lernt, dass gute Stimmung herrscht und dass er eine Belohnung erhält, (Aufmerksamkeit, Lob, Futter), wenn er dort kratzt.  Sie können ihm diesen neuen Kratzplatz auch schmackhaft machen, wenn Sie etwas Katzenminze oder Baldrianwurzel darüber reiben.  Das tolle ist, dass all diese Maßnahmen ihre Beziehung zu Tiger überhaupt nicht belasten, sondern im Gegenteil, das Spielen und das Loben, sind neue positive Aspekte in Ihrer Beziehung.

 

In einigen Ratgebern, steht leider noch immer, man solle die Katze animieren diese neuen Stellen zu benutzen, in dem man die Pfoten festhält und mit sanftem Druck über den neuen Kratzposten reibt. Tun Sie dies bitte nicht! Die Katze lehnt solche Maßnahmen in der Regel ab und wird den neuen Kratzposten mit etwas Unangenehmen in Verbindung bringen.

 

Aggressives Spielen

Sie haben sich bei der Nachbarin in ein kleines 6 Wochen altes rotes Katerchen verliebt. Der Kleine hat es Ihnen angetan, weil er besonders ausgelassen und munter ist und seine Geschwister so süß drangsaliert. Sie wollten nur eine Katze und das Katerchen hatte auch keinen engen Kumpel unter seinen Geschwistern. Sie denken, da ist sicher immer gute Laune angesagt und nehmen dass Kerlchen mit nach Hause. Das Aufatmen seine Geschwister hören Sie nicht mehr, als sich hinter dem kleinen Wirbelwind die Tür schließt.

 

Zuhause angekommen, wollen Sie es ihm so schön wie möglich machen und er ist dank Ihrer Liebe und Zuwendung schnell über den Verlust seiner Geschwister und seiner Mama hinweg. Er ist ein niedlicher kampflustiger Zwerg, der keine Chance auslässt mit Ihnen zu rangeln und zu balgen. Wenn Sie morgens aus der Dusche steigen, lauert er hinter dem Duschvorhang und stürzt sich knurrend und fauchend auf ihre Füße. Sie quietschen beide vor Vergnügen und dann beginnt ein wildes Spiel, im Verlauf des Spieles wird es ganz normal, dass er Ihren Arm umfasst und hinein beißt und mit den Hinterpfoten kräftig kratzt. Sie lachen und finden das süüüüüüssssss. Außerdem gewöhnt sich das Kerlchen daran, an Ihren Kleidern hoch zu klettern und sich in Ihren Haaren zu vergraben.

Mit zwölf Monaten ist  Zorro nun 6 Kilo schwer und Ihre gemeinsamen Rangeleien, treiben Ihnen die Tränen in die Augen und machen regelmäßig medizinische Versorgung erforderlich.

 

Was haben Sie Zorro beigebracht?

In einer sensiblen Phase für soziales Lernen wurde Zorro von seiner Mutter und seiner Geschwister getrennt. Die Geschwister bringen sich unter einander bei, dass sich grobes Spiel nicht lohnt, weil der Mitspieler, das Spiel abbricht, wenn man selber zu grob wird oder es einem mit gleicher Münze zurück zahlt. Die Katzenkinder lernen im Spiel, wie fest man zu beißen darf und kontrollieren ihre spielerische Aggression (Beißhemmung).

Auch die Mutter hat eine wichtige Rolle bei der Erziehung. Auch sie unterbindet Rüpeleien und  bringt den Jungtieren während der Entwöhnung bei mit Frustrationen umzugehen.

Bei Ihnen hat Zorro gelernt, dass er beißen und kratzten soll und dass menschliche Hände, Beine und Arme als Beuteersatz dienen. Belohnung erfuhr sein ruppiges Verhalten durch das Spielen an sich, durch Lachen, Quicken und Schreien. Anstelle ihm durch Spielabbruch, wie es seine Geschwister getan hätten, beizubringen, dass die menschliche Haut verletzlich ist und menschliche Gliedmaßen kein Beuteersatz sind, haben Sie sein Übergriffigkeit verstärkt – mit nicht ganz ungefährlichen Folgen.

 

Fazit:

Katzen erzieht man also in dem man erwünschtes Verhalten belohnt und damit verstärkt und unerwünschtes Verhalten nicht bestätigt oder verstärkt (Klassische Gegenkonditionierung).

Zur Bestärkung dienen alle Dinge die die Katze gerne hat: Spielen, Schmusen, Essen, Aufmerksamkeit, ein Spaziergang im Garten. Für jede Katze ist etwas anderes belohnend oder wird zu bestimmten Zeiten besonders belohnend empfunden.

Zum Abbruch oder zur Aufgabe eines bestimmten unerwünschten Verhaltens benötigen Sie unter Umständen etwas Phantasie. Bei den oben dargestellten Maßnahmen handelt es sich um anonyme Strafen  (doppelseitiges Klebeband), Managementmaßnahmen (Unzugänglich machen einer Kratzstelle), und dem Entzug unserer Aufmerksamkeit[2] (Spielabbruch).

Direkte Strafen, die über den Entzug unserer Aufmerksamkeit hinaus gehen, wie schimpfen, schlagen, den Einsatz von Wasserpistolen etc. sind kontraproduktiv.

 

Stattdessen sollte man sich das große Lernpotential der Katze zu Nutze machen. Bei der Menschendressur hat die Katze immer die Befriedigung ihrer Bedürfnisse im Auge. Also drehen wir den Spieß um.

Fragen Sie sich zukünftig immer, was lernt die Katze, wenn ….

… ich ihr jetzt ein Leckerchen gebe

….ich sie jetzt lobe

… ich jetzt mit ihr spiele

… ich sie jetzt schimpfe

….ich sie jetzt ignoriere

 

 

Wenn Sie das Thema Lernen oder Erziehung interessiert hier noch zwei Empfehlungen:

  • Christine Hausschild: „Trickschule für Katzen-Spaß mit Clicker und Köpfchen“ / „Katzenhaltung mit Köpfchen“
  • Birgit Laser „Clickertraining, mehr als Spaß für Katzen“ als DVD


[1] Eine klassische Beschwichtigungsgeste der Katze ist das Wegschauen (Blickunterbrechung durch Blinzeln) oder das Rücken zuwenden. Es signalisiert ganz klar, dass man an einer Auseinandersetzung nicht interessiert ist.

[2] Der Entzug unserer Aufmerksamkeit ist als Erziehungsmaßnahme nur geeignet,  wenn das Verhalten auf uns gerichtet ist (Aufmerksamkeit heischendes Verhalten, Spielaggression). Es kann selbst belohnendes Verhalten, wie Kratzmarkiern, nicht verhindern. Durch das Ignorieren, dieses Verhaltens laufen wir aber wenigstens nicht Gefahr es zu verstärken.

Ein Kommentar

  1. Ich finde diesen Beitrag sehr gut geschrieben! Und er gibt mir gerade Aufschluss über das Verhalten meines Kratzmonsters 🙂 Ich dachte immer, es wäre damit getan, evtl genügend Spielzeug und Abwechslung zu bieten. Habs auch mal mit Erziehung versucht, seh aber gerade, dass ich damit auf dem Holzweg war.