Julchen – Die Eisprinzessin beginnt zu schmelzen

Julchen kam im vergangenen Spätsommer zu uns ins Tierheim und wurde in das Zimmer zur dicken Minka gesetzt.

Julchen ist eine blütenweiße Katze mit wunderschönen blauen Augen

Sie war mit der neuen Situation im Tierheim, dem Verlust ihres Zuhauses und den vielen wechselnden Artgenossen überfordert. Sie fauchte bei jeder Annäherung und schlug sobald jemand in ihre Reichweite kam.

Ich schob ihr Verhalten in den ersten Wochen auf die Eingewöhnung, dann auf den hohen Stresslevel in ihrem Zimmer, da hier nur Eigenbrötler untergebracht waren, die sich nicht grün waren.

Julchen zog sich nicht wie die vielen anderen Katzen, zurück, Julchen versteckt sich auch nicht, ließen es die Machtverhältnisse im Zimmer zu, thronte sie mitten im Raum auf einem Tisch auf einem weißen Kissen. Julchens Rückzug aus der Welt vollzog sich in der Ablehnung jeglichen Kontaktes. Nahm Sie am Anfang noch gelegentlich ein Leckerchen an oder verfolgte meine Versuche die anderen Katzen zu spielen, saß sie bald nur noch wütend funkelnd auf ihrem Thron und wartete auf eine Chance ihren Unmut zu demonstrieren.

Alle meine Versuche eine Beziehung mit ihr aufzubauen, schlugen fehl. Kein Spielzeug, kein Baldriankissen, kein Leckerchen, kein extra Futter. Alles wurde nur einen Augenblick argwöhnisch betrachtet und dann schlug sie regelmäßig zu.

Es gab viele Interessenten für das hübsche Julchen, aber auch die schlug Julchen im wahrsten Sinne des Wortes in die Flucht.

Die blauen funkelnden Augen und ihre Angriffe wirkten auf die Menschen sehr abschreckend.

Anfang des Jahres schleppte eine verwahrloste Perserkatze Flöhe mit ein und das arme Julchen begann sich kahl und wund zu lecken. Nach dem die Flöhe weg waren hörte Julchen nicht auf sich zu lecken. Scheinbar hat sie gelernt, über das Lecken Stress abzubauen

Da ich keinen Weg sah Julchen unter den gegebenen Umständen zu helfen, entschloss ich mich vor Ostern sie in Pflege zu nehmen, damit sie sich in einer ruhigen, katzenlosen Umgebung beruhigen könnte.

Ich hoffte, dass Julchen aufhören würde sich zu lecken und zu beißen und dass ich einen Ansatz finden würde, um sie zutraulicher zu machen.

Ich quartierte sie im oberen Stockwerk ohne Umschluss mit unseren Katzen ein. Ich verhängte ein absolutes Streichelverbot, Kontakt war nur passiv erlaubt, spielen und aus der Hand füttern, ausdrücklich erwünscht.

Sie bekam Bachblüten und wir dufteten ihr neues Zuhause mit Feliway ein.

Julchen erkundete ihr neues Übergangszuhause ausführlich und eroberte sich schnell die besten Plätze auf der Fensterbank und im Kratzbaum. Endlich hatte sie wieder einen Ausblick, Bäume, Vögel, andere Katzen, Menschen, die ganze Welt war endlich wieder da.

Nach zwei Wochen begrüßte sie uns immer mit einem traurigen Laut an der Tür, strich um unsere Beine und schnurrte vor Aufregung. Aber anfassen durften wir sie noch nicht. Sie schlug ohne Vorwarnung auf unsere Hände und zog sich sofort fauchend zurück. Nur Futter nahm sie freundlich und sanft auch aus unseren Händen entgegen.

Sie spielte je nach Tagesform mit uns, freute sich über Gesellschaft und Baldriansäckchen.

Tatsächlich wurde diese kleine ernste Katzenperson immer offener und hatte sogar hin und wieder alberne fünf Minuten. Aber menschlichen Händen stand sie nach wie vor skeptisch gegenüber.

Da sie sich noch immer schrecklich kratzte und leckte und das Fell nicht nach wuchs, immer neue kahle oder wunde Stellen auftraten, entschloss ich mich sie dem Tierarzt vorzustellen. Sie bekam Cortison gegen das Lecken und ein homöopathisches Mittel gegen die Nervosität und Schreckhaftigkeit.

Nach zwei Tagen trat die Wirkung des Cortisons ein. Kaum einer wird sich vorstellen können, wie erleichternd es für uns war, dass dieses ständige Lecken und Beknabbern, Kratzen und Rupfen auf einmal aufhörte. Julchen lag einfach entspannt auf der Fensterbank und döste.

Nun ist Julchen schon fast 10 Wochen bei uns. Sie ist ruhiger geworden, sie schätzt unsere Gesellschaft. Zur Begrüßung gibt sie uns Köpfchen und streicht uns schnurrend um die Beine. Sie jagt Leckerchen und liebt Pappkartons und Packpapierhaufen. Wir dürfen sie streicheln, wenn sie frisst und auch wenn sie Kontakt zu uns aufnimmt.

In den letzten Tagen hat sie mich nicht mehr geschlagen, wenn ich den Kontakt hergestellt habe, allerdings zieht sie sich dann oft zurück.  Hände machen ihr noch immer Angst. Wenn ich ihr eine Hand entgegen halte, kann ich manchmal richtig gehend sehen, wie sie überlegt und den ersten Impuls zu schlagen und zu fauchen unterdrückt, mich kurz anschauet und dann entweder das Weite sucht oder nun immer häufiger Köpfchen gibt.

Vor 10 Wochen konnte ich nicht einschätzen, ob und wie man ihr Verhalten beeinflussen könnte. Heute sieht das anders aus. Ich glaube, dass Julchen bei ruhigen und geduldigen Menschen eine echte Chance hat ein ganz normales freundliches Katzentier zu werden. Solange die neuen Halter in Kauf nehmen, dass Julchen länger braucht als andere Katzen um Vertrauen zu fassen. Da wir nicht wissen, wie die Kleine in der Vergangenheit behandelt wurde, steht ihr diese Zeit aber sicherlich zu.

 

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