Bestrafung – Sieben gute Gründe, warum sich aversive Reize nicht gut zur Verhaltensmodifizierung eignen

Das Konzept von Strafe und Belohnung besagt:
• Folgt einem Verhalten eine negative Konsequenz, verringern diese die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten gezeigt wird.
• Folgt einem Verhalten eine positive Konsequenz, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit , dass das Verhalten gezeigt wird.

Die meisten von uns sind mit diesem Konzept von Strafe und Belohnung zur Verhaltensbeeinflussung groß geworden. Unerwünschtes oder störendes Verhalten durch Strafe abzustellen ist uns allen vertraut. Zu Strafen liegt uns also nahe und erscheint uns eine einfache Lösung zu sein.

Dr. Kate Fulkerson faßt in einem Artikel „The Trouble with Punishment“ zusammen, warum richtig zu strafen nicht so leicht ist, wie wir landläufig unterstellen:

Um richtig zu strafen müssen folgende Punkte bei der Bestrafung beachtet werden:
• aversiver Stimulus Die Strafe wird mit dem Strafenden verknüpft. Straft der Halter (schlagen/schreien/…) die Katze für ein unerwünschtes Verhalten (z. B. für kratzen an der Couch) verknüpft die Katze den Halter mit dem unangenehmen Reiz. Die Katze lernt, Begegnungen mit meinem Halter sind unangenehm. Im schlechtesten Fall zeigt die Katze von nun an Meideverhalten gegenüber dem Halter, im besten Fall wird das Verhalten nicht mehr in Anwesenheit des Halters gezeigt.
• Eskalation Strafe bei angstbedingtem Verhalten, steigert die Angst und verschärft das Problem. Straft der Halter die Katze in einer bereits unangenehm empfundenen Situation, macht er die Situation für die Katze noch schlimmer. Zum Beispiel straft ein Halter eine Katze, die aus Angst vor Artgenossen das Katzenklo nicht mehr aufsuchen kann, wird die Situation für die Katze ausweglos.
• Fehlverknüpfter Strafreiz Bestrafungen bergen immer die Gefahr in sich, dass ungewollte Fehlverknüpfungen entstehen. Der Halter sperrt die Katze nach dem sie auf den Teppich uriniert, hat in die Katzentoilette ein. Lernerfolg der Katze: ‚Die Toilette ist unangenehm und gefährlich.‘
• Aggressivität Bestrafung erhöht die Aggressivität in Bestraftem und Strafenden. Ein aversiver Reiz ruft eine Gemütsänderung bei der Katze und bei uns hervor. Der Strafende verroht, weil er Angst und Schmerzen hervorruft. Lernerfolg für Mensch und Katze: Konditionierung einer unangenehmen emotionale Reaktion
• Dosierung des Strafreizes Erfolgreiche Bestrafung liegt immer im Grenzbereich zur echten Schädigung des zu Bestrafenden. Echte Strafen sind so hart, dass sie nur wenige Mal eingesetzt werden müssen, um zur Verhaltensänderung zu führen. Tierversuche haben gezeigt, dass eine schwache Bestrafung und ihre Steigerung wirkungslos bleiben, weil sich der Proband an die Strafe gewöhnt und lernt Schmerzen zu ertragen. Die Abschreckung muss also so groß und erschütternd sein, dass wenige Bestrafungen ausreichen. Hier bleiben individuelle Schmerzgrenzen unberücksichtigt, genauso wie individuelles Angstempfinden. Weniger harte Strafen bewirken nur geringfügige und kurzzeitige Unterdrückung des Verhaltens, das Verhalten tritt trotz fortgesetzter Bestrafung immer wieder auf.
• Unmittelbar bei jeder Verfehlung Strafe muss sofort und immer dem unerwünschten Verhalten folgen. Sofort und immer ist nicht umsetzbar, wenn man selber der Strafende ist, weil man zwangsläufig nicht immer da ist und nicht immer unmittelbar während/bei dem unerwünschten Verhalten strafen kann. Jede zeitliche Verzögerung macht den Erfolg der Strafe zu Nichte. (Beispiel drei Gruppen von Hunden werden betraft, wenn sie Futter erhalten und zu fressen beginnen a.) innerhalb einer Sekunde b.) innerhalb 5 Sekunden c.) innerhalb 15 Sekunden = a.) Futternapf wird 2 Wochen b.) 1 Woche c.) drei Minuten nicht angerührt.
• Unvorhersehbarkeit des neuen Verhaltens Strafe verringert die Wahrscheinlichkeit, dass das unter Strafe gestellte Verhalten gezeigt wird, sie formt aber kein Alternativverhalten. Bei positiver Verstärkung wissen wir wohin die Reise geht, ein Verhalten soll häufiger auftreten. Bei einer Bestrafung wissen wir nie, welches Verhalten an die Stelle des unerwünschten Verhaltens tritt. Anstatt zu markieren, beginnt die Katze z. B. sich das Fell zu rupfen

Strafe, die regelmäßig wiederholt werden muss, wiederlegt, dass sie ein Mittel zur Verhaltensänderung ist
Gerade weil richtig zu strafen so schwierig ist und weil strafen so viele Gefahren birgt, stellt sich die Frage der Anwendbarkeit.
Verhaltensänderungen können auch über den Weg der positiven Verstärkung bewirkt werden.
Die Folgen einer falschen Belohnung (Timing/Zusammenhang) sind im Vergleich zu einer misslungenen Bestrafung zu vernachlässigen.