„Behavioural Wellbeing“ – Ein Wohlfühlprogramm für die Tier-Seele

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Das Konzept des „Behavioural Wellbeing“

Tiergerechtheit oder Wohlergehen von Tieren wird oft noch mit dem Konzept der „fünf Freiheiten“ gemessen, das in den 80er Jahren vom britischen „Farm Animal Welfare Council“ (FAWC) entwickelt wurde. Es handelt sich dabei um

  • Freiheit von Hunger und Durst
  • Freiheit von haltungsbedingten Unbehagen / Beschwerden
  • Freiheit von Schmerz, Verletzungen und Krankheit
  • Freiheit von Angst und Stress
  • Freiheit zum Ausleben von Normalverhalten

die fünf Freiheiten

 

Dieser Ansatz fand Eingang an die EU-Tierschutzpolitik und prüft, ob Schmerzen, Schäden oder Leiden auftreten und ob die Grundbedürfnisse der Tiere gedeckt werden.
Das glückliche Tier und seine positive Gemütslage („positive emotional state“) ist nur ein Kriterium von zwölf an Hand derer das Wohlergehen gemessen wird

Was versteht man unter dem Konzept des „Behavioural Wellbeing“?

Unter dem Stichwort „Behavior Wellness“ oder „Behavioural Wellbeing“ wird ein Ansatz verfolgt, der nicht das Fehlen von Leid und Stress in den Vordergrund der Beurteilung des Wohlergehens von Tieren stellt, sondern auf das Vorhandensein von Freude und Wohlbehagen. Denn Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit und Schmerz und psychisches Wohlergehen ist mehr als nur die Abwesenheit von Angst und Stress.
„Behavioural Wellbeing“ kann proaktiv die Entstehung problematischer Verhaltensweisen bei unseren tierischen Wegbegleitern verhindern, in dem der Halter geschult wird, Zeichen von Wohlergehen und Wohlbefinden zu erkennen und entsprechende Verhaltensweisen zu befördern. Diese Fürsorge stärkt die Bindung zwischen Tier und Halter. Der Blick wird auf positive Verhaltensweisen und Fähigkeiten des Tieres gelenkt, während die übliche Bemühung, vorhandene problematische Verhaltensweisen abzustellen, die Bindung schwächt und negative Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt. Denn die Modifikation von inadäquatem Verhalten, fordert vom Halter oft eine große Hingabe, Geduld und großen Einsatz, um die zeitaufwendigen und oft anspruchsvollen Maßnahmen umzusetzen.

Stellt man sich der Aufgabe, das psychische Wohlbefinden seiner tierischen Partner zu befördern, muss man sich zwingend mit ethologischen Rahmenbedingungen und dem Ausdruck von psychischem Wohlbefinden der einzelnen Arten auseinandersetzen. Insbesondere bedarf es einer genauen Definition des „psychischen Wohlergehens“.

Der „Cat Stress Score“[1], dient beispielsweise der Messung des Stressniveau einer Katze, ohne dass invasive Untersuchungen ( z. B. Messung des Cortisolspiegels im Blut) erforderlich sind. Der CSS – wurde ursprünglich 1992 von der Verhaltensforscherin Sandra McCune entwickelt und von Kessler und Turner 1997 um einige Kriterien ergänzt.
Der CSS ist in sieben definierten Stresslevels eingeteilt und basiert auf Beschreibungen von Körperbewegungen und Körperhaltungen. Eine richtig entspannte Katze liegt ausgestreckt, reagiert positiv auf Kontaktaufnahmen durch den Menschen und ist nicht alarmiert oder nervös. Je größer die Anspannung (Stress) wird, umso angespannter und aufrechter wird die Körperhaltung, der Bauch wird geschützt und versteckt, die Beine knicken ein, der Schwanz schlägt aufgeregt oder wird unter den Körper gekringelt. Lautgebung nimmt an Intensität und Frequenz zu. Die Katze zeigt Fluchtverhalten. Lokomotion (Spielen / Explorieren) nimmt reziprok zum steigenden Stresslevel ab. Aggressives Verhalten nimmt zu. Komfortverhalten nimmt ab oder exzessiv zu.

Neben dem Verständnis für den psychischen Zustand des Tieres ist ein grundsätzliches Verständnis des natürlichen und artspezifischen Verhaltens erforderlich. Das Verhaltensinventar fasst die artspezifischen Bedürfnisse einer Art zusammen und erlaubt die Voraussetzungen zur Befriedigung dieser Bedürfnisse abzuleiten. So braucht ein Pferd die Möglichkeit zu weiden, Nerze die Möglichkeit zu schwimmen und Schweine eine Suhle. Während Kratzmarkieren für Katzen ein wichtiges Element ihres Kommunikationsverhaltens ist, ist es für einen Hund von elementarer Bedeutung auf Gegenständen herum zu kauen.
Die Haltungsvoraussetzungen müssen:

  • die Ansprüche artspezifischer Verhaltensweisen (Lokomotion, Spielverhalten, Sozialverhalten, Elimination, Ruhe- und Schlafverhalten)
  • die Notwendigkeit von mentaler Stimulation
  • die Möglichkeit über elementare Ressourcen, (Rückzugsorte, Futter, Zugang zu Sozialpartnern) in vernünftigen Grenzen selber zu kontrollieren,

berücksichtigen.

Aber auch individuelle Bedürfnisse, z. B. einer älteren Katze auf mehr Ruhe oder dem barrierefreien Zugang zu Schlafplätzen und Sozialpartnern, muss Rechnung getragen werden.

Ein Halter, der über die artspezifischen Verhaltensgründe und die individuellen Bedürfnisse seines Tieres aufgeklärt wurde, der versteht warum sein Tier wie tickt, stellt das Verhalten eines Tieres in einen neuen Kontext und nimmt eine andere Perspektive in der Beziehung zu seinem Tier ein („Reframing“). Dadurch entsteht die Chance sich mit den Wünschen eines Tieres auseinanderzusetzen, dessen Lebensqualität zu befördern und ihm so das bestmögliche Leben zu bieten.

Will man im Sinne der fünf Freiheiten sicherstellen, dass eine Katze keinen Durst leidet, so kann man ihr einen kleinen Blechnapf mit Wasser hinstellen. Richtet man aber seinen Focus auf das Wohlergehen der Katze, so gibt es einige Kriterien, die bei der Einrichtung einer Wasserstelle beachtet werden sollten.
Für eine Katze spielt der Ort der Wasserstelle eine wichtige Rolle. Er sollte nicht dicht bei der Futterstelle oder Toilette stehen, da Katzen Funktionen (Essen/Trinken/Ausscheiden/Spielen/Ruhen…) räumlich voneinander trennen, z. B. um Wasserstellen oder ihre liebsten Rückzugsorte nicht mit Ausscheidungen oder Futterresten zu verschmutzen, oder um ihren Feinden keine verräterischen Spuren zu hinterlassen. Natürliche Wasserstellen ändern auch ihren Ort nicht, während Futterstellen ruhig variieren können, da Katzen ihre Beute üblicherweise nicht immer an denselben Stellen finden.
Die Wasserstelle sollte nicht zu exponiert, z. B. mitten im Raum, stehen und ein wenig Deckung finden viele Katzen auch beim Trinken wichtig, denn Wasserstellen werden in ihrem natürlichen Habitat auch von gefährlichen größeren Beutegreifern aufgesucht. Um den idealen Platz zu finden, sollte der Halter an mehreren Stellen im Revier Wasser anbieten. Mehrere Wasserstellen innerhalb des Reviers erhöhen auch gleichzeitig die Wasseraufnahme um bis zu 30%, denn die Katze nutzt auf ihren Streifzügen öfter die Gelegenheit einen Schluck zu probieren. Die so geförderte Wasseraufnahme verringert damit gesundheitliche Probleme von Blase und Nieren. Auch an den Napf stellt eine Katze gewisse Ansprüche. Viele Katzen mögen den Geruch von Metall nicht und bevorzugen Keramikgefäße, in denen das Wasser auch länger frisch bleibt. Anstelle eines kleinen Napfes eignen sich weite Gefäße oder Schüsseln, bei denen die Katze die Schnurrhaare nicht an die Wangen anlegen muss, denn die Schnurrhaare haben auch bei der Wasseraufnahme eine Funktion. Die Vibrissen helfen der Katze die Entfernung zwischen Wasserspiegel und Nase einzuschätzen, da die Katze, die Dinge, die sich unmittelbar vor ihr befinden, schlecht sehen kann. Hilfreich ist es auch die Wasserschale bis zum Rand zu füllen, damit, die Katze, die weitere Umwelt während des Trinkens im Blick behalten kann und nicht mit dem Kopf im Gefäß verschwinden muss. Auch die Wasserqualität ist nicht unwichtig, und es gibt von Katze zu Katze unterschiedlichste Vorlieben, von frischem, über sprudelndes, fließendes oder tropfendes Wasser, zu stillem Mineralwasser und abgestandenem Gießwasser.

 

Wasserstellen

Wasserstellen

 

individuelle Vorlieben

individuelle Vorlieben

Wie wird das Konzept in der Praxis umgesetzt?

Das Verständnis der ethologischen Rahmenbedingungen und des artspezifischen Ausdrucksverhaltens muss von Tierärzten, Tierphysiotherapeuten, Tiertrainern und Tierpsychologen gemeinsam befördert werden. Eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit wäre wünschenswert, denn es gibt viele Anknüpfungspunkte, die häufig nicht genutzt werden. So kann Teil einer Welpengruppe, der erste Besuch beim Tierarzt sein und bei weiteren Trainingsbesuchen, kann das Tierarztpersonal, dem Halter und dem Welpen die Grundlagen des Tierarzttrainings für entspanntere Tierarztbesuche vermitteln. Andersherum sollte der Tierarzt bei jedem check-up auch das Verhalten und Verhaltensänderungen abfragen. Zum einen weil gerade Verhaltensänderungen wichtige Warnsignale zur Früherkennung organischer Erkrankungen sein können und zum anderen um im Bedarfsfall an einen entsprechenden Kooperationspartner verweisen zu können. Ethologisch und verhaltenstherapeutisch geschulte Tierarzthelfer können erforderliche Beratungen auch Inhouse anbieten und so die (Patienten)Halterbindung effektiv verbessern.
Das Konzept des „Behavioural Wellbeing“ greift die speziellen Bedürfnisse aus allen Lebensabschnitten des Tieres, vom Welpen bis zum geriatrischen Patienten, auf und bietet so vielfältige Ansätze für Beratung und Schulung (Verhaltens-, Ernährungs-, Haltungs-, und medizinische Beratung.) Es umfasst Empfehlungen und Ratschläge zur Handhabung spezieller Handicaps oder chronischer Erkrankungen, hilft bei der Auswahl und Anschaffung des passenden Haustieres und unterstützt bei Fragen zur Sozialisierung, Erziehung und Haltung.

Wünschenswert wäre es, wenn alle am Tierwohl partizipierenden Berufsgruppen (Züchter, Tierheimpersonal, Tierarzt, Tiertrainer, Tierheilpraktiker, Tierphysiotherapeut und Tierverhaltensberater etc.) an der Aufklärung des Halters mitwirken würden, in dem sie die ethologischen Wurzeln der Verhaltensweisen erklären und Wege aufzeigen, Raum und Ressourcen innerhalb der Halter-Tier Gemeinschaft freizusetzen, die dem einzelnen Tier erlaubt, die jeweiligen Bedürfnisse in angemessener, artgerechter Weise zu befriedigen.
Versteht der Halter den ethologischen Hintergrund von Verhalten, entsteht Raum für Empathie, so dass er selbstständig anthropozentrischen Erklärungsversuchen und falschen Erwartungen entgegentreten kann, die die Bindung zwischen Tier und Halter immer wieder belasten.

Der Halter versteht nun zum Beispiel, dass die Katze nicht auf sein Kopfkissen pinkelt, um ihn für langes Ausbleiben und unregelmäßige Fütterungen zu bestrafen, sondern weil ihr vorübergehend die Kontrolle über den Zugang zu wichtigen Ressourcen (Futter/Sozialpartner) entzogen wurde.

Die konkreten Handlungsempfehlungen und Leitfäden des Konzeptes des „Behavioural Wellbeing“, sollten den Halter befähigen

  • situationsgerechtes Verhalten auszulösen und zu verstärken, in dem er sein Tier anleitet, das Richtige zu tun. So wird er bei einer streichelaggressiven Katze, jedes Zeichen von Entspannung bei Berührung positiv verstärken, lernen an welchen Körperpartien die Katze Berührungen genießt und die Berührungen beenden bevor es zum Stimmungsumschwung kommt.
  • Inadäquates Verhalten zu minimieren, in dem er beispielsweise bei unerwünschtem Kratzverhalten alternative Kratzposten aufstellt, oder bei grobem Spiel durch alternative Spielangebote mit Distanzspielzeug für physische Auslastung sorgt und Übergriffigkeiten durch Spielunterbrechungen und Auszeiten reduziert.
  • individuellen und artspezifischen Verhaltens(eigen)arten Rechnung zu tragen und seinem Tier zu ermöglichen, sie in sozialkompatibler Form auszuleben. Zum Beispiel bietet er einer wasserliebenden Katze tägliche Besuche in der Dusche an oder einer delikaten Toilettenbesucherin eine selbstreinigende Toilette.

 

Appendix 1

Cat Stress Score

(From Kassler & Turner 1997) i: (or unspecified) = cat is inactive, a: = cat is active

 

Cat Stress Score From Kassler & Turner 1997) i: (or unspecified) = cat is inactive, a: = cat is active

Cat Stress Score
From Kassler & Turner 1997) i: (or unspecified) = cat is inactive, a: = cat is active

 

 

Koerperhaltung Mimik

Literatur und weiterführende Links

„Tierbasierte Indikatoren – eine Aufgabe für Tierhalter, Bündler und andere?“ https://mlr.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mlr/intern/dateien/PDFs/SLT/Vortrag_2015_11_27_-_tierbasierte_Indikatoren.pdf

„Herausforderung Tierwohl“ www.ktbl.de/fileadmin/user_upload/Allgemeines/Download/KTBL-Tage-2015/KTBL-Tage_2015.pdf

„Beurteilung der Tiergerechtheit–Konzepte und Begriffsdefinitionen“ www.ktbl.de/fileadmin/user_upload/Allgemeines/Download/Tiergerechtheit/Beurteilung-der-Tiergerechtheit.pdf

„Tierwohl: Die „Fünf Freiheiten“ der Pferde“ www.wir-sind-tierarzt.de/2016/01/fuenf-freiheiten-pferdehaltung/

“Behaviour Wellness concept for general veterinary practice” www.academia.edu/10969719/Hetts-Behavior-Wellness-Concepts-for-General-Veterinary-Practice-2004?auto=download

„Feline behaviour guidelines“ www.catvets.com/public/PDFs/PracticeGuidelines/FelineBehaviorGLS.pdf

„Welfare cats“ Irene Rochlitz

„Animal Behaviour for shelter Veterinarians and Staff“  Emily Weiss, Heather Mohan-Gibbons, Stephen Zawistowski

“Domestic animal behavior and welfare” D.M Bromm and A.F. Fraser

“Mental Health and Well-Being in Animals” F. D. McMillan

“Principles of Psychological Well-Being of Nonhuman Primates” www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK232190/

 

[1] Appendix 1 www.maddiesfund.org/Documents/Resource%20Library/Pet%20Behavior%20Solutions%20-%20Cat%20Stress%20Score.pdf

[2] Stellung der Ohren: https://lifewithchcats.com/2013/03/02/understanding-your-cats-body-language-the-ears/

 

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