Mathilda – ein Hilferuf

Mathilda wurde mit ihrem Bruder in einer verwahrlosten Wohnung eines alten alleinstehenden Mannes sichergestellt und auf einer Pflegestelle untergebracht. Man konnte nur noch wenig über die Lebensumstände der beiden herausfinden. Der alte Mann konnte sich nicht mehr um sich selber kümmern, geschweige denn um zwei kleine Kätzchen. Die Katzen hausten dort verschüchtert und ohne viel Zuwendung größtenteils unter dem Bett des alten Mannes.

In der Pflegestelle vertrugen sie sich jedoch nicht mehr und man suchte schnellst möglich ein neues Zuhause für Mathilda.

Mathilda wurde am 13.01.12 in ihrem neuen Zuhause aufgenommen. Mathilda verkroch sich in ihrem neuen Zuhause unter die Matratzen des Bettes, aß nur nachts und traute sich vier Tagelang nicht auf die Toilette. Die neuen Halter waren verzweifelt, da sie mit der kleinen Katze mitfühlten, aber nicht helfen konnten.

 

22.01.12

Als ich den Fall übernahm hatte ich auf der Habenseite eine Katze, die freiwillig, wenn auch nur nachts, fraß. Es bestand also kein akuter Handlungsbedarf zu einer Zwangsmaßnahme, wie einfangen, Zwangsernährung, Tierarzt. Zudem hatte Mathilda noch nicht resigniert oder aufgegeben, denn sie unternahm durchaus des Nachts kleine Erkundungstouren. Außerdem konnte ich auf sehr engagierte, wenn auch aus triftigem Grunde verunsicherte, Halter zählen.

Im Soll standen fehlender sozialer Kontakt, keine Handelbarkeit der Katze, Unsauberkeit, Angst und Unwägbarkeiten, wie den Grad der erfahrenen Sozialisierung oder des Anschlussbedürfnisses von Mathilda.

Wir begannen damit den Raum der Mathilda zur Verfügung stand zu begrenzen, in der Hoffnung, dass ihr ein überschaubares und besser kontrollierbares Revier in der Eingewöhnungszeit helfen würde sich schneller zu Recht zu finden und um sich sicherer zu fühlen. Außerdem wollten wir sie aus ihrem unzugänglichen Matratzenversteck herauslotsen, da sie sich dort jeglichem menschlichen Kontakt entziehen konnte.

 

27.01.12

Der Unsauberkeit näherten wir uns klassisch, in dem wir die legalen Ausscheidungsplätze optimierten und den illegalen Ausscheidungsstellen die Attraktivität nahmen.

Zunächst wurde eine Toilette auf Mathildas Pinkelstelle neben dem Sofa gestellt. Die in Mitleidenschaft gezogenen Patch-Work-Decken wurden sicher verstaut und über die Couch wurde eine Folie gedeckt.

Da wir nicht wissen konnten, wie für Mathilda die optimale Katzentoilette aussah, mussten wir uns herantasten. Die Stelle hatte sie selber ausgewählt. Als nun die Toilette dort aufgestellt wurde, konnte man an Hand der Fußstapfen sehen, dass sie es in Augenschein genommen hatte. Allerdings hatte sie weiterhin außerhalb der Toilette Harn und Kot abgesetzt, allerdings in der unmittelbaren Nähe der Toilette. Dies wies daraufhin, dass die Stelle richtig war, aber das Klo an sich noch verändert werden musste. Wir wechselten zunächst zu einer feinkörnigeren sandigen staubfreien Streu. Die verunreinigten Stellen wurden mit Alkohol (40 % Isopropyl) und anschließend mit einem Enzymreiniger gesäubert.

 

Nun bleib nur noch die Tatsache, dass sie keinerlei Kontakt zu ihren Menschen suchte bzw. zu ließ. Als erstes wollte ich wissen, wie aktiv Mathilda war und bat an den unterschiedlichsten stellen Spielzeug und Leckerchen auszulegen, so dass man morgens ein Bewegungsmuster ablesen kann. Ich schlug vor weiter Rückzugsmöglichkeiten (erhöht und ebenerdig) anzubieten, um ihr Alternativen zu ihrem Versteck in den Matratzen des Bettes zu geben.

Ich empfahl Mathilda ansonsten zu ignorieren. Sollte Mathilda in Anwesenheit der Menschen die Wohnung erkunden, sollten die Halter so tun, als würden sie sie nicht bemerken, so dass Mathilda den Eindruck erhielte „unsichtbar“ zu sein. Bei Begegnungen sollten sich die Halter wegdrehen und in einem Bogen um Mathilda herum gehen, oder ihr die Passage ermöglichen in dem sie ihr aus dem Weg gingen. Bei versehentlichen direkten Begegnungen empfahl ich Mathilda anzublinzeln, dann den Kopf demonstrative zur Seite zu drehen, um die eigene Ungefährlichkeit zu demonstrieren. Außerdem sollten die Menschen muntere Gelassenheit verbreiten und keiner Regung von Mathilda eine besondere Bedeutung zu kommen lassen, da sich Stimmungen schnell übertragen. Und eine Bedeutungsvolle Geste eine scheue Katze schnell argwöhnisch machen kann.

Zusätzlich mussten die Halter feste Spielzeiten (2 Mal Täglich 10-15 min.) einführen, Mathilda musste in einem vorhersehbaren Kontext der Gegenwart von Menschen dosiert ausgesetzt werden. Die Halter sollten sich zunächst vorsichtig vergewissern, wo sich Mathilda versteckt hielt. Dan sollten sie sich mit einem Mindestabstand von 2 m von ihrem Versteck entfernt auf den Boden setzen, eine Karton oder Stuhl als weitere Barriere zwischen ihnen und Mathilda, sollte die vermeintlich gefährliche Nähesituation für Mathilda weiter entschärfen. So platziert wurde mit einem interaktiven Distanzspielzeug (Federangel/Gerte) und einem Lieblingslekerli versucht Mathilda Interesse zu wecken. Mathilda sollte nicht direkt angespielt werden, sondern in ihrer Nähe sollten interessante Bewegungen und Geräusche, die ihrer natürlichen Beute entsprachen, nachgeahmt werden. Je scheuer die Katze desto kleiner muss der Reiz sein, der das Interesse hervor locken soll. Ich hatte festgestellt, dass einigen Katzen das befederte Ende der Federangel bereits ungeheuer ist, während der dünne Stab unter eine Decke geschoben, häufig erstes Interesse weckt. Auch eine Dressurgerte hat eine geringe Bedrohlichkeit und die allermeisten Katzen lassen sich durch ein verlockendes Kraschpeln mit der Gerte eine erste Reaktion entlocken. Ich wies daraufhin, dass zunächst nicht damit zu rechnen sei, dass Mathilda auf das Spielangebot einginge. Sie würde nach meiner Einschätzung in der ersten Zeit die Nähe und die Spielaufforderung nicht genießen, sondern als bedrängend empfinden, es würde einige Spieleinheiten dauern, bis sie sich in der Gegenwart und bei der ungewohnten Tätigkeit des Menschen wieder entspannen würde. Dann würde es noch einmal dauern, bis sie sich für die Aktivität interessiert und noch etwas später würde sie erst beginnen, sich aktiv zu beteiligen, Zunächst in der sicheren Deckung unter dem Sofa, und nach und nach auch außerhalb ihrer Deckung. Erst dann könnte man beginnen den Abstand zum Menschen zu verkleinern. Es bedarf also viel Geduld und vieler kleiner Schritte, die jeder für sich ein großer Erfolg sind.

Die Halterin legte Baldrian und Katzeminzekissen aus, verstreute Ping Pong Bälle und diverse Leckerlis und rekonstruierte morgens akribisch Mathildas nächtliche Erkundungstouren. Sie steckten Feliway® Zerstäuber in die Steckdosen, verabreichten Bachblüten gegen die Angst und die Verunsicherung und Bierhefe für mehr Gelassenheit und Selbstsicherheit. Mathilda verließ ihren Rückzugsort zwischen den Matratzen zwei Tage später freiwillig und lebte nun unter dem Sofa im Wohnzimmer. Das Schlafzimmer wurde vorübergehend zu einer Tabuzone. Die Halter hatten ihre Katze zum ersten Mal kurz zu Gesicht bekommen und Mathilda hatte eine Spielstunde unter dem sicheren Sofa mit Interesse verfolgt.

Dennoch waren die Halter sehr traurig, da Mathilda sich so rar machte und sich so stark zurück zog. Sie empfanden großes Mitgefühl, aber auch große Rat- und Machtlosigkeit.

 

Bei der Eingewöhnung durchlaufen beide Parteien (Mensch und Tier) immer wieder Phasen der Annäherung und der Distanzierung.

Tiere, die still leiden und sich zurückziehen, lösen schnell Mitgefühl und Schuld aus. Was hat man dem Tier nur angetan? Wenn das Tier aversives Verhalten zeigt, um sich dem Kontakt zu entziehen, neigen die Halter oft zu Abwehr und Ablehnung. Die emotionalen Reaktionen verstärken oftmals das bestehende Verhalten bei der anderen Partei.

Betrachtet man es mit einiger Distanz ist klar, dass das auf beiden Seiten gezeigte Verhalten nur Ausdruck von Überforderung ist. Ich versuche den Menschen an diesem Punkt des Zweifelns, ob man die richtige Entscheidung für das richtige Tier getroffen habe, klar zu machen, was man schon alles erreicht hat und stecke einen Zeitrahmen für die nächsten Ziele ab, den der Mensch für machbar hält. Außerdem hat es sich gezeigt, dass es dem Haltern hilft, wenn sie sich eigene Aufzeichnungen machen und sich so die kleinen Fortschritte besser vergegenwärtigen.

 

02.02.12

10 Tage nach Beginn der Maßnahmen, war Mathilda stubenrein. Nach dem wir auch ein für sie akzeptables Streu gefunden hatten, besuchte sie innerhalb von einer Woche regelmäßig und zuverlässig die Toilette. Ich fand das schon fast zu einfach. Sie hat sich einen neuen Rückzugsort gesucht und verbrachte die meiste Zeit des Tages unter dem Küchenschrank. Nachts unternahm unbefangen Erkundungsausflüge, schaute dabei auch kurz zu ihren neuen Menschen ins Schlafzimmer rein, obwohl dort noch Licht brannte und sich die beiden unterhielten. Sie spielte nachts mit den Spielsachen und fraß die für sie versteckten Leckerlis und schlief auf der Couch, die nun nicht mehr abgedeckt werden musste. Ich empfahl einen Laserpointer neben das Bett zu legen und Mathilda bei ihren nächtlichen Kontrollgängen zu einer kurzen Jagd aufzufordern.

 

08.02.12

Die Halterin berichtete mir, dass Mathilda nun auch hin und wieder tagsüber außerhalb ihres Versteckes gesichtet wurde. Außerdem sprang Mathilda sogar einmal auf das Bett, obwohl die Halter noch anwesend waren. Die Halter waren jedoch unglücklich, weil sich Mathilda so viel unter dem Küchenschrank aufhielt und ihre kuscheigen Höhlen nicht annahm. Sie wollten ihr den Rückzugsort etwas ungemütlicher machen und entfernten die Bodenabschlüsse, als Mathilda einmal nicht unter dem Schrank lag.

 

18.02.12

Mathilda bekam nun seit einigen Tagen eine auf sie abgestimmte Bachblütenmischung, und die Lage entspannte sich weiter. Die beiden Verstecke, das Bett und der Küchenschrank, wurden  zwischenzeitlich unzugänglich gemacht und Mathilda musste sich mehr mit ihren Menschen auseinandersetzten. Sie war nun tagsüber wieder unter das Sofa gezogen.

Für ihre Halter war das ein Fortschritt, weil sie nun besser wahrnehmen konnten, dass Mathilda nicht ständig gestresst und verängstigt war, sondern im Schutze ihres Versteckes durchaus entspannen konnte und beobachtete, wer da so vorbei kam. Bei ihren allabendlichen Rundgängen kam sie regelmäßig im Schlafzimmer vorbei, schaute hinein und grüßte ihre Menschen mit einem kurzen Miau und diese wünschten ihr eine Gute Nacht.

 

05.03.12

Anfang März berichteten mir die Halter, dass Mathilda nun regelmäßig auf das Bett sprang und ihre Menschen begutachtet. Allerdings verschwant sie, sobald sich einer bewegt. Sie ließ sich mit Leckerchen locken, roch bereits an einem Menschenfinger, aß jedoch noch nicht aus der Hand.